Kultur : Lob der Luft

Der Architekt der Leere: zum Tod des baskischen Künstlers Eduardo Chillida

NAME

Als junger Mann stand der Baske Eduardo Chillida beim spanischen Erstligisten San Sebastián im Tor. Was braucht es, um ein guter Torhüter zu sein, fragte er sich später einmal. Das Gleiche, das man brauche, um ein guter Bildhauer zu sein: „Ein sehr gutes Verhältnis zu Raum und Zeit."

Raumgreifend sind die Arbeiten von Chillida, der am Montag in San Sebastián nach langer Krankheit starb, immer gewesen – schon bei seinen frühen Eisenskulpturen der fünfziger Jahre, als er begann, in der Tradition des baskischen Schmiedehandwerks mit dem Eisen in den Raum zu zeichnen. Mit abstrakten Lineamenten und Flächen durchbohrte er Räume, schuf erste „Windkämme“, formte in Kurvaturen den „Rat an den Raum“ oder durch Strahlen ein „Lob an die Luft“. Er empfand „Sphärenmusik“ oder „Vibrationen“ nach. Man mag auch an die „Tische“, die „Häuser“ oder die „Topos“-Arbeiten der achtziger Jahre denken: Stets spielt das Kriterium des Raumes eine entscheidende Rolle.

Doch was zunächst wie ein Credo der fünfziger Jahre klingen mag, als Begriffe wie Raum und Zeit eine Folie bildeten, vor der sich neue Kunstformen überhaupt entwickeln konnten, entwickelte sich bei Chillida in den sechziger Jahren weiter – anders als bei vielen seiner Zeitgenossen. Ihm ging es nie um die Darstellung einer Weltanschauung. Seine Kunst blieb, seinem forschenden Charakter gemäß, permanenter Veränderung unterworfen.

Chillidas Werk fügt sich auch nicht in die Linie der großen Stahlplastiker des 20. Jahrhunderts ein, die sich von dem Katalanen Pablo Gargallo über Julio Gonzalez und Picasso zu David Smith, Anthony Caro und Tim Scott verfolgen lässt. Diese Metallbildhauer schufen Assemblagen, sie fügten selbstgefertigte oder gefundene Einzelteile zusammen.

Auch der Surrealismus gehört nicht zu den Wurzeln seiner Arbeit, ebenso wenig das Thema der menschlichen Figur und überhaupt alles Gegenständliche. Vielmehr wollte Chillida schon durch die Wahl des Materials seinen Skulpturen jeglichen Illusionismus nehmen – als architektonisch denkender Bildhauer: In vielen seiner Arbeiten geht es in erster Linie um die Verteilung von Masse und Raum. Er übersetzte das klassische Figur-Grund-Problem in die Skulptur und schuf so Kunstwerke von vitaler, physischer Präsenz.

Chillida, 1924 in San Sebastián geboren, studierte von 1943 bis 1946 Architektur, bevor er sich entschloss, Künstler zu werden. 1948 siedelte er nach Paris über, kehrte aber 1950 wieder in seine Heimat zurück. Nach seiner ersten Einzelausstellung 1956 in der Galerie Maeght in Paris schaffte Chillida bereits 1958 mit der Teilnahme an der Biennale in Venedig seinen internationalen Durchbruch. In den Folgejahren und -jahrzehnten wurde er vielfach preisgekrönt, mehrmals zur Kasseler „documenta“ eingeladen, und bereits 1981 richtete die Kestner-Gesellschaft in Hannover ihm eine große Retrospektive aus.

Seine Werke im öffentlichen Raum aber sind es, die ihm den größten Ruhm eingebracht haben. Dazu zählen das 1986 in der Taunusanlage in Frankfurt aufgestellte „Haus für Goethe“ oder das jüngst vor dem Berliner Kanzleramt eher unglücklich platzierte Werk „Berlin“ – symbolisch arg beladen, steht es zudem im Schatten der mächtigen skulpturalen Geste des Schultes-Baus. Hinzu kommen Monumentalwerke wie die „Windkämme“ an der Küste San Sebastiáns. Gerade in diesen gewaltigen Arbeiten, die sich der schlichten fotografischen Wiedergabe verweigern, zeigt sich der heimliche Architekt Chillida, der „Kämpfer gegen das Gewicht“. Und der zeitlebens forschende Visionär: „Ich stelle mich in meiner Arbeit selbst in Frage“, sagte er einmal, „und alles übrige um mich.“ Melitta Kliege

Die Autorin war 1991 Kuratorin der großen Chillida-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben