Kultur : Lob der Selbsthilfe

Steffen Richter

Es gibt kaum ein Terrain in Berlin, das literarisch dichter überschrieben wäre als die Gegend zwischen Savignyplatz und Steinplatz in Charlottenburg. Dazu gehören Marga Schoellers „Bücherstube“ in der Knesebeckstraße, der Salon „Im Westen was Neues“ in der „Galerie 1er Étage“ am Savignyplatz und natürlich die Carmerstraße. In der Nummer 4 fanden 1963/64 die ersten Veranstaltungen des Literarischen Colloquiums statt, bevor man die Villa am Wannsee bezog. Der Buchhändlerkeller kam in den Siebzigern aus Friedenau und schlug sein Quartier in der Nummer 1 auf. Und die Carmerstraße 10 beherbergt die Autorenbuchhandlung.

Dass Schriftsteller Miteigentümer eines Buchladens sind, ist nicht gerade üblich. Doch als die Berliner Autorenbuchhandlung 1976 eröffnet wurde, gab es dafür gute Gründe. Einer der Gesellschafter, Günter Grass, sprach damals von „Selbsthilfe“. Anlass zur Selbsthilfe gibt es auch heute mehr als genug. In großen Buchhandlungen haben Hardcover-Neuerscheinungen nur noch eine Verweildauer von durchschnittlich vier bis fünf Monaten. Was bis dahin nicht über den Ladentisch geht, wird oft verramscht. Bücher, die auf keiner Bestsellerliste auftauchen, haben es zunehmend schwer. In der Carmerstraße 10 gibt es auf 125 Quadratmetern etwa 10 000 Bücher: klassische Weltliteratur, Philosophie, viel Lyrik, Kultur- und Literaturwissenschaft.

Schon Walter Höllerer, einst Hansdampf in allen Gassen des Berliner Literaturbetriebs, war begeistert, weil er hier einfach alles auftreiben konnte, „auch die Produktion der kleinen versteckten Verlage, die handgedruckten Bücher, und solche, die andernorts nicht mehr zu finden waren.“ Das ist noch heute so, da die Autorenbuchhandlung 30 Jahre alt wird und dieses Jubiläum am 3. Dezember (13 bis 18 Uhr) feiert. Schriftsteller wie Ralf Rothmann , Ingo Schulze , Katja Lange-Müller , Durs Grünbein oder Ursula Krechel werden im Laden stehen, um zu beraten, zu signieren – und zu verkaufen.

Natürlich stammt die Autorenbuchhandlung mit ihrer Idee der Mitbestimmung aus den politischen Verhältnissen der siebziger Jahre. Wie es um die heutige Politik bestellt ist, erfährt man einige Schritte weiter im Buchhändlerkeller . Dort stellt Heiko Michael Hartmann am 30. November (20.30 Uhr) seinen verstörenden Roman „Das schwarze Ei“ (Hanser) vor. Schauplatz ist die Bundesgeschäftsstelle einer großen Partei. Nichts ist hier, was es scheint, allerorten lauern doppelte Böden. Es beginnt mit dem Protagonisten, einem Einstellungsbetrüger wider Willen. Und es endet mit der Erkenntnis, dass sich so mancher seine Lebensgeschichte kohärent zurechterzählt und sich in simulierten Welten einrichtet. Hartmann aber macht daraus keine simple Denunziation des politischen Ambientes, sondern ein stilistisch abenteuerliches Plädoyer für den Bruch und gegen den falschen Zusammenhang. Gewagte Literatur kann man so etwas nennen. Die liegt in Großbuchhandlungen zwar nicht neben der Kasse – ist in der Autorenbuchhandlung aber sicherlich vorrätig.

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