Kultur : Lob der Unschärfe

Ein Dichter. Ein Maler. Privater Schmerz. Deutsche Geschichtswunden: Die Pariser Autorin Cécile Wajsbrot findet in Berlin eine Heimat fürs Schreiben

Steffen Richter

1995 verließ Cécile Wajsbrot nach ein paar Urlaubstagen zum ersten Mal Berlin. Da wusste sie schon, dass sie wiederkommen würde. Mittlerweile lebt sie teils im heimatlichen Paris, teils in Berlin. Seit einem Jahr hat sie sogar eine Wohnung in Friedrichshain. Auch die Cafés am Boxhagener Platz mochte sie schon, bevor das Quartier schick wurde. „Berlin“, sagt sie, „Berlin und die Ostsee bei Rügen“, das ist es, was ihr in Deutschland besonders gefällt. Cécile Wajsbrot ist eine stille Frau. Und es ist ein stiller Roman, den sie geschrieben hat. Gleichwohl trifft er die mentale Disposition der Deutschen ins Mark: Es geht um die Abgründe, die nicht im Vergessen liegen, „sondern in der Überfülle der Erinnerungen“.

Ein ostdeutscher Lyriker, so setzt das Buch ein, soll in der wiedervereinigten Hauptstadt eine Rede zur Einweihung der Caspar-David-Friedrich-Straße halten. Ganz gegen die Gepflogenheiten des Anlasses gerät ihm sein Text jedoch zu einer Lebensbeichte. Seine private Geschichte verschränkt sich mit der politischen, und beide spiegeln sich in der Auslegung von neun Gemälden Caspar David Friedrichs. Wie in einem Brennglas kommen in ihnen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen. Doch der Roman fragt vor allem nach der Essenz des Gegenwärtigen.

„Auf meinen Spaziergängen sah ich die Kräne am Potsdamer Platz“. erzählt Cécile Wajsbrot. „Da sollte etwas werden, aber es war noch nicht. Zugleich gibt es in Berlin unheimlich viele Gedenkstätten, Mahnmale und Denkmale. Zwischen Vergangenheit und Zukunft hatte ich Schwierigkeiten, die Gegenwart zu sehen.“ Überall beobachtet sie, wie auf jedem Ausdruck des Neuen in Deutschland die Hypothek der Geschichte lastet. „Es ist unser Schicksal“, heißt es im Buch, „uns zu erinnern, sogar an das, was wir nicht erlebt haben.“

Um Nutzen und Nachteil der Geschichte für das Leben abzuwägen, beugt sich der Lyriker über die Bilder des deutschen Romantikers. Sie lassen künftige Schrecken erahnen. Die Schemenhaftigkeit ihrer Visionen eröffnen aber zugleich den Horizont auf mehrere mögliche Zukünfte. Das erste Charakteristikum jeder Gegenwart, so Wajsbrot, ist ihre Offenheit. Der wird man sich allerdings erst gewahr, wenn die Vergangenheit „nicht alles überwuchert“. In einem Text von Rabelais, erzählt sie, hören die Figuren auf hoher See klagende Stimmen. Fürchtet euch nicht, rät der Kapitän, im Winter gab es hier Krieg. Jetzt entweichen die gefrorenen Wörter der Toten, ihr hört Stimmen aus einer anderen Zeit. „Wir müssen versuchen, nicht nur diese gefrorenen Wörter zu hören. Wir dürfen nicht so tun, als ob wir im Winter seien, wenn Frühling ist.“

Was in Frankreich kaum der Erwähnung wert ist, klingt in Deutschland fast provokativ. Denn die da spricht, hat ihren Großvater in Auschwitz verloren. Cécile Wajsbrots Familie war aus Polen nach Frankreich eingewandert. Während ihre Großmutter mit List und unter Entbehrungen der berüchtigten „rafle du Vél d´Hiv“, der Razzia im Pariser Stadion Vélodrome d’Hiver am 16. Juli 1942 entkam, wurde ihr Großvater deportiert. Schon deshalb will sie ihr Buch nicht als ein Plädoyer für das Vergessen verstanden wissen. In der französischen Originalfassung heißt der Roman „Caspar Friedrich Strasse“. Ohne David. „Ich fand den Titel schlicht zu lang für französische Leser. So habe ich mir die Freiheit genommen und ihn um den mittleren Namen gekürzt.“ Sollte der Text hier klüger sein als der Autor? Schließlich fehlt ausgerechnet der jüdische Name David, genauso wie im Buch das Gravitationszentrum der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, der Holocaust, ausgespart bleibt. „Vielleicht war es Zufall“, bekennt sie, „wahrscheinlich war es unbewusst“.

Geboren wurde Cécile Wajsbrot 1954 in Paris. Nach einem Literaturstudium und einer abgebrochenen Doktorarbeit über das Doppelgängermotiv folgten acht lange Jahre als Französischlehrerin. Schon damals ist sie frühmorgens aufgestanden, um zu schreiben. 1982 erschien der erste von nunmehr neun Romanen. Später kam die Arbeit bei Radio France Culture dazu. Leben kann Cécile Wajsbrot bis heute nicht von ihren Büchern. Dazu braucht es die Übersetzungen aus dem Englischen (etwa Virginia Woolf) oder Deutschen. Erst vor drei Jahren sorgte sie mit der Streitschrift „Pour la littérature“ in Frankreich auch als Literaturkritikerin für Aufsehen. Gegen die Vorherrschaft der Form und den Begriff der écriture, wie sie von den Nachkriegsavantgarden propagiert wurden, will Wajsbrot die erzählte Geschichte, die littérature, wieder in ihre Rechte einsetzen. „Der Nouveau Roman und alles, was danach in Frankreich geschah, verdeckte ein Schweigen.“ Das Schweigen über Vichy und die Deportationen. „Es war die französische Polizei, die meinen Großvater abgeholt hat. Es waren französische Beamte, keine deutschen.“

Erst vor diesem Hintergrund kann man ermessen, welche gewaltige innere Arbeit Cécile Wajsbrot verrichtet hat, um einen luziden und poetischen Roman zu schreiben, der dazu anstiften will, „die Vergangenheit in der Vergangenheit zu lassen“. Darüber hinaus ist das nur 140 Seiten schmale Bändchen eine literarische Fundgrube. In den Bildbeschreibungen erlebt seine Auferstehung, was Walter Benjamin die Aura eines Kunstwerkes genannt hat. Erzählerisch kunstvoll werden die Gemälde Caspar David Friedrichs mit der Welt ihres Betrachters verknüpft, klug wird über den Zwiespalt zwischen Leben und Schreiben, die Amoralität des Schreibens reflektiert.

Nicht zuletzt handelt es sich auch um einen Berlin-Roman, vom Wirklichkeitsgewinn nach dem Mauerfall, der ein Traumverlust ist. Die private Liebesgeschichte, zu deren Zeugen der namenlose Lyriker seine Zuhörer macht, spiegelt die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung. 15 Jahre lang hatte er mit einer geliebten Frau in Westdeutschland Briefe getauscht. Sie war seine Laura oder Beatrice, zu ihr schrieb er seine Gedichte hin. Als es endlich zu einem Treffen kommt, muss er feststellen, dass sie beide Projektionen und Ritualen aufgesessen waren.

Natürlich gibt es in Berlin keine Caspar-David-Friedrich-Straße. Sie ist ein utopischer Ort, entworfen zu dem Zweck, hinter die Schrecken des 20. Jahrhunderts zurückzukehren, in einen „Zustand der Gnade". Die Autorin selbst weiß nicht, ob es diesen Moment historischer Unschuld tatsächlich gibt. Überzeugt ist sie indes von der Offenheit eines jeden Augenblicks, von seiner „Verschwommenheit, die keine Auflösung bedeutet, sondern eine Öffnung, den Raum, um das Kommende zu empfangen.“ Cécile Wajsbrot hat uns ein wunderbares Lob der Unschärfe geschenkt. Dafür, dass es nun an die deutschen Leser kommt, verdienen auch der kleine, erst zwei Jahre junge Münchener Liebeskind Verlag und seine hervorragenden Übersetzer einen Dank.

Cécile Wajsbrot: Mann und Frau den Mond betrachtend. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, Liebeskind Verlag, 144 Seiten, 16 €.

Lesung am 27. März, 20 Uhr, im Caspar-David-Friedrich-Saal in der Berliner Alten Nationalgalerie.

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