Kultur : Lob des Gerüchts

Ein Gerücht geht um in Berlin. Es sagt, dass diese Stadt pleite ist. Und dann gibt es noch ein zweites Gerücht, welches nicht müde wird, sich über grausame Sparpläne des Senats auszubreiten. Alles erstunken und erlogen! Nichts als Zeitungsenten und Wichtigtuerei! Man weiß es ja besser: Kein Hallenbad, kein Klinikum, keine einzige Stelle im öffentlichen Dienst stehen zur Disposition, denn schließlich regieren hier jetzt Sozialdemokraten und Demokratische Sozialisten, und die werden den Teufel tun und ihre kleinbürgerliche Klientel strangulieren. Sparen, streichen, schließen - das kommt überhaupt nicht in Frage, schon gar nicht in Kultur und Wissenschaft.

Also: Alles wird gut. Und immer weiter so. Und nur nicht auf Gerüchte gehört - es könnte am Ende was dran sein. Gestern gaben einige Zeitungen - vorlaut, vorschnell - Entwarnung. Das Maxim Gorki Theater wird zwar nicht angetastet. Kultursenator Thomas Flierl hat auf einer Betriebsversammlung die Belegschaft beruhigt. Aber er hat nicht gesagt, wen es stattdessen treffen wird. Er hat auch nicht erklärt, wie es zu der irren Idee kam, das Gorki Theater in eine Boulevard-Bühne zu verwandeln. Dabei gibt es in Berlin schon genug Boulevard, der entweder vor dem Aus steht (wie Schlosspark- und Hansa-Theater) oder um seine Existenz kämpft (wie am Kurfürstendamm).

Abgesehen davon, dass Flierls Lebensversicherung für Volker Hesse und sein Team über 2003 nicht hinausreicht - der Fall Maxim Gorki Theater ist ein kulturpolitisches Lehrstück. Statt (wie in der "Süddeutschen Zeitung") über das journalistische "Kaputtreden" von Bühnen zu schwadronieren, statt sich (wie auf den "Berliner Seiten" der FAZ) über Rituale der Berliner Premierengesellschaft zu amüsieren, müsste der Letzte verstanden haben, dass es an die Substanz geht. In seiner technokratisch verschwurbelten Rhetorik hat Thomas Flierl das längst gesagt. Er wird ein Haus schließen, wenn er muss. Und so wie der rot-rote Senat das Thema Kultur eben nur als halbe Priorität behandelt, muss Flierl den harten Weg gehen wollen. Sonst kann er selbst gehen.

Neulich in der Schaubühne sah man den PDS-Mann im munteren Zwiegespräch mit Peter Radunski, einem seiner vielen Vorgänger von der CDU. Flierl steht im Augenblick zwischen Radunski und Christa Thoben. Diese warf nach drei Monaten das Handtuch, als sie fertig war mit dem Studium der Haushaltsdaten. Jener hielt die Kundschaft fünf Jahre lang mit "Bemühenszusagen" bei Laune: Regt euch nicht auf, das Geld wird schon kommen. Flierl versucht was Neues. Er gibt seriösere Bemühenszusagen.

Flierl räumt ein, dass seine Verwaltung derzeit allerhand Szenarien kalkuliert, das Gorki Theater eingeschlossen. Alle Berliner Theater spüren den Existenzdruck. Dass eine Staatsbühne plötzlich eine Betriebsversammlung abhält und der Senator dort erscheint, hat seinen Grund eben nicht allein in der Veröffentlichung des Tagesspiegel; da sind wir gerne bescheiden.

Jetzt aber ist die Sache publik. Flierl macht den Eindruck, dass er sich bei seinen Planspielen ertappt fühlt. Immerhin brauchte er anderthalb Tage, um ein angeblich völlig aus der Luft gegriffenes Schließungs-Szenario zu dementieren. Für das Ballett der Deutschen Oper, das nach Informationen dieser Zeitung zu den Liquidationskandidaten gehört, blieb das Dementi aus. Flierl kann nun eines nicht mehr: planlos und hastig zuschlagen. Auch wenn die Zeit drängt. Am 19. März soll der Haushalt stehen, und das Sparziel der Kultur - reichlich 20 Millionen Euro - wird von der Kulturverwaltung nicht dementiert.

Es geht übrigens in Berlin noch ein Gerücht um: dass Schließung sich finanziell nicht lohnt. Eine Theater-Liquidation entlastet den Haushalt erst nach Jahren. Eine Prognose sei gewagt: Es wird da und dort zu Einschränkungen des Spielbetriebs kommen. Man wird darüber nachdenken, ob Theaterbeschäftigte partout weiter als Angehörige des öffentlichen Dienstes behandelt werden müssen. Es wird über kurz oder lang keine drei Opern-Ballette mehr geben. Und vermutlich werden Häuser geschlossen oder zusammengeschlossen werden, von dem jetzt noch keiner redet. Es sei denn: Berlins Politik würde anfangen nur dort zu sparen, wo sie etwas gewinnt - und nichts verspielt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben