Kultur : Lola lernt

Krach und Glamour: zur Verleihung des Deutschen Filmpreises in Berlin

Jan Schulz-Ojala

Zur Abwechslung eine rückwärtsgewandte Prognose. Wie hätte die Siegerliste beim Deutschen Filmpreis 2007 ausgesehen, wenn die Auswahl wie in gar nicht so schlechter alter Zeit von einer Jury vorgenommen worden wäre? Einer Jury zudem, die sich jener „kulturellen Filmförderung“ verpflichtet fühlt, an die die Vergabe der knapp drei Millionen Staatsknete für den höchstdotierten deutschen Kulturpreis nach wie vor zwingend gekoppelt ist?

Zunächst: Sie hätte auf die insgesamt zukunftsweisenden, formal umwerfenden, großartig besetzten und thematisch wichtigen Filme gesetzt – ganz egal, ob sie nun an der Kasse punkten oder nur eine Minderheit unter den Kinogängern begeistern. Es wäre dabei, nichts geht über ein pointiertes Jury-Statement, vielleicht ein Filmpreis in Gold für Valeska Grisebachs von Laiendarstellern verkörpertes Liebesmelodram „Sehnsucht“ herausgesprungen – nicht etwa, weil der Film ein Kritikerliebling des vergangenen Jahres war, sondern weil mit ihm ein fulminantes, nebenbei keineswegs zuschauerfeindliches Experiment seine glücklich kongeniale Form gefunden hatte. Und alle Welt hätte sich gefreut, dass die Regisseurin die gewonnenen 500 000 Euro nun satzungsgemäß in eine neue, ihre erst dritte Filmproduktion stecken kann.

Vorbei, vorbei. Die Jurys, die bis 2005 so nachhaltig wichtige Werke wie Christian Petzolds „Die innere Sicherheit“ oder Oskar Roehlers „Die Unberührbare“ als kulturell herausragende Filme erkannten, sind durch das 900-köpfige Branchen-Plenum der Deutschen Filmakademie ersetzt. Immerhin: Indem sie Chris Kraus’ wuchtiges Knast-Pianistinnen-Epos auf den Schild hob und statt der vielgehätschelten Hannah Herzsprung ihre Film-Antipodin Monica Bleibtreu als Hauptdarstellerin auszeichnete, ist sie an der ganz großen Mainstrean-Panne vorbeigeschrammt. Die hätte darin bestanden, auf die Lolas in den eher vermischten Kategorien noch eine für Regie und eine Goldene für den Film „Das Parfum“ draufzusetzen. So blieb für den Produzenten Bernd Eichinger und seinen Regisseur Tom Tykwer nur Silber, Jubel zweiter Klasse und nichtsdestotrotz allerseits warmherziger Dank. Eine Jury aber hätte es womöglich mit einer Nominierung für das knallhart Richtung Weltmarkt konzipierte Erfolgsprodukt aus dem Hause Constantin bewenden lassen.

So ist diese Preisvergabe 2007 vielleicht auch unter dem zunächst massiven Druck des Akademie-Präsidenten Günter Rohrbach für „Das Parfum“ und dem doch erkennbaren öffentlichen Gegendruck kurz vor der Ziellinie zu manch überraschendem Ergebnis gekommen. Bernd Eichinger, der der Akademie grimmig für Silber dankte („Das ist durchaus ernst gemeint“), mag es verbittern; andere sehen denn doch zumindest manche Selbstreinigungskraft am Werk.

Dennoch: Was Mahner schon vom Start weg prognostizierten, weil hoch dotierte, an Kultur gebundene Preise und ein Massenvotum à la Oscars sich nun mal nicht vertragen – im dritten Jahr ihres öffentlich überprüfbaren Agierens ist es offenkundig: Der Wurm ist drin in der Deutschen Filmakademie und folglich auch in der Geldverteil-Gala, deren Übernahme ihr virulentester Gründungsgrund war und die bislang weitgehend ihr Daseinszweck geblieben ist. Die Mitglieder nominieren überwiegend an dem vorbei, was den deutschen Film auch international wieder beachtenswert macht, übersehen ganze Strömungen wie die viel diskutierte Berliner Schule komplett und votieren am liebsten für den auch in Zahlen messbaren Erfolgsfilm. Die vier Lolas für Marcus Rosenmüllers grundsympathische Bayern-Komödie, die katholische Beichtreflexe ebenso bedient wie einen gewissen „Lass jucken, Kumpel“-Humor, spricht für den Mehrheitsgeschmack der Branche Bände.

Und jetzt zur Abwechslung eine weit in die Zukunft greifende Bilanz. Die Filmakademie blüht und gedeiht, wie die Oscars und die Césars und die Goyas anderswo auch. Und weil die internationalen Vorbilder schließlich undotiert funktionieren, hat sie die Vergabe des Kulturstaatsgelds in kompetente, andere Hände gegeben. Das war ihre eigentliche Bewährungsprobe: den Laden auch ohne das Schielen auf Vater Staats Schatulle mit Leben zu füllen. Keine Kungeleien hier, keine Pressionen dort – und, siehe da, es funktioniert.

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