Kultur : London läuft sich warm

Das Kulturprogramm der Olympischen Spiele 2012

Werner Bloch

Gäbe es einen Preis für Hässlichkeit, London könnte bereits eine Goldmedaille verbuchen. Das Logo der Olympiade 2012, ein Gekleckse in Schmutzig-Weiß, lässt sich an Scheußlichkeit kaum überbieten. Aber, bitte, darum geht es nicht, sagt Ruth Mackenzie, die 50-jährige Kulturmanagerin und Ex-Regierungsberaterin, die das Kulturprogramm der Spiele verantwortet. „Kultur hat nur dann einen Sinn, wenn sie das Leben verändert“, sagt sie beim Frühstück im Berliner Hotel Interconti, „und unser Programm soll die Vorstellung von Olympischen Spielen verändern“.

Der Gründer der Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, habe immer betont, „dass die Olympiade keine reine Sportveranstaltung ist, sondern mit Bildung und Kultur verschmelzen soll“. 1948 wurden Medaillen an Kulturschaffende vergeben! Großbritannien habe auch deshalb den Zuschlag bekommen, weil man sich verpflichtete, das größte Kulturprogramm aller Zeiten zu starten, „und es soll auch das beste werden“. Hehre Worte. Erst vor ein paar Tagen wurde das britische Kulturbudget um 27 Prozent gekürzt.

An diesem Freitag geht das Programm der „Cultural Olympiad“ online. Sieben Millionen Freikarten wurden versprochen, bis zum Sommer will Ruth Mackenzie noch einige Akzente setzen. Seit zwei Jahren ist sie im Amt, „wir sind zum Voranstürmen verdammt“, sagt sie. Dabei läuft die Kultur sich schon seit drei Jahren im ganzen Inselreich warm – nur hat’s bisher kaum jemand bemerkt. Immerhin: Eine 115 Meter hohe Stahlrohrkonstruktion des Starkünstlers Anish Kapoor ragt in der Nähe der Stadien empor, ein „Gozilla staatlich finanzierter Kunst“, unken die Kritiker. Zum Vorprogramm zählten auch die 12 Meter hohen Löwen, die Shauna Richardson in Nottingham zusammengehäkelt hat. Und Martin Creeds jagte Kunstfreunde mit der Stoppuhr durchs Museum.

Zum Endspurt will Ruth Mackenzie es krachen lassen. Am 21. Juni, vier Wochen vor den Sportwettkämpfen, eröffnet die Kulturolympiade: Einen Monat lang hat die Kunst die Bühne für sich. Französische Pyrotechniker gehen an den Start, Shakespeare wird bei Windermere im Wald aufgeführt, Jonathan Harveys Stück „Weltethos“ nach einem Libretto von Hans Küng feiert in Birmingham britische Premiere – die Uraufführung war gerade in der Berliner Philharmonie zu erleben.

„Jedesmal vor den Olympischen Spielen lancieren die Vereinten Nationen einen Appell, alle Kriege für die Dauer der Spiele ruhen zu lassen“, erklärt Mackenzie. Der Olympische Waffenstillstand, den es schon in der Antike gab, sei eine Art Leitmotiv. Das klingt recht unverbindlich, doch die Briten meinen es ernst und kehren vor der eigenen Tür, in Nordirland. Dort soll es in der Stadt Derry, die die Protestanten Londonderry nennen und in der früher bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, ein einmaliges Konzert geben – auf der Friedensbrücke. Sie überspannt das Gelände der einstigen britischen Kaserne, das zu einem Kulturzentrum umgewandelt wurde, und verbindet es mit katholischen Stadtteilen. Hier wird die Band Massive Attack einen akustischen Frontalangriff in Sachen Versöhnung starten.

Etliche Künstler aus dem deutschsprachigen Raum sind in London dabei, darunter Christoph Marthaler und die Bremer Shakespeare Company. Pina Bausch, die 2009 gestorbene Choreografin, wird mit der bisher weltgrößten Retrospektive gefeiert. Tino Seghal bespielt drei Monate die Turbinenhalle der Tate Modern, auch Damien Hirst, Lucian Freud, Mike Leigh, Toni Morrisson und Robert Wilson bereichern das Programm. 42 Millionen Pfund sind dafür vorgesehen.

Und Peking, die Erinnerung an die grandiosen Eröffnungs- und Schlussfeierlichkeiten von 2008? Na ja, gibt Ruth Mackenzie zu, dem Vergleich müsse man sich stellen. Die Londoner Eröffnungsgala inszeniert Danny Boyle („Slumdog Millionär“). Boyle wird es anders machen als die Chinesen, mit mehr Witz und Ironie. Noch eine Gemeinsamkeit gibt es zwischen Sport und Kulturspielen, verrät Mackenzie: „Man darf nichts vermasseln. Man hat nur eine Chance.“ Werner Bloch

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