Kultur : Lotto und Lebenshunger

FILM

Christiane Peitz

Der Mann sagt kein einziges Wort. Läuft durch den Film, von links nach rechts und am Ende zurück, von rechts nach links. Er läuft vorbei an der großen, stillgelegten Fabrik, ein Arbeitsloser stürzt sich ins Messer, ein Yakuza-Gangster nimmt sich das Leben, ein Polizist nimmt den Mann mit ins Gefängnis und lässt ihn wieder frei, ein Haus brennt, der Mann rettet die Kinder, er wird angefahren, begegnet im Krankenhaus dem Tod, gewinnt im Lotto, lässt sich die Geldtüte stehlen, trifft einen Krebskranken, eine Mutter, einen Selbstmörder: Lebenshungrige, Todessüchtige. Ein Tunnel, ein Sternenhimmel, eines langen Tages Abend und Nacht.

Bei Sonnenaufgang, kehrt der Mann zurück und der Film auch. The Blessing Bell , der Berlinale-Forumserfolg aus dem Jahr 2003 des japanischen Kino-Anarchisten Sabu (OmU in den Kinos fsk am Oranienplatz und in den Hackesche Höfe) , spult die Story am Schluss gleichsam zurück. Und die Tragödien wiederholen sich als Farce. Immer noch schweigt der namenlose Held mit dem stoisch staunenden Blick (Susumu Terajima). Wenigstens gönnt Sabu uns jetzt ein paar Gitarrenakkorde: Wenn der Mann die Selbstmörderbrücke passiert, am Krankenhaus und am Glück der Mutter vorbeigeht, läuft, rennt. Rasender Stillstand, außer Atem, eine Zeitlupen-Ewigkeit lang.

Nein, „The Blessing Bell“, diese todtraurig-urkomisch lakonische Studie über den Lauf der Zeit, philosophisches Passagenwerk en miniature, ist noch nicht zu Ende. Ganz am Ende beginnt der Mann zu sprechen – und alles ist anders. Ein kleines, häusliches Glück hinter verschlossener Tür, möglicherweise. Wunderbarer Film: Jedes Bild schaut uns an, mitten ins Herz. Achten Sie auf die Schuhe!

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