Kultur : Luft hat keine Balken

„Grounding“ – ein Film regt die Schweizer auf

Veronika Rall

Dass ein Kinofilm die ersten Seiten der Schweizer Tageszeitungen mit Berichten, Kritiken und Kommentaren füllt, erlebt man selten. Ähnliche Aufmerksamkeit kommt in der Regel nur Ereignissen von mindestens nationaler Bedeutung zu. Ein solches war das „Grounding“ der Swissair am 2. Oktober 2001, als die Maschinen der hochverschuldeten Airline am Boden bleiben mussten, weil nicht einmal mehr das Geld zum Auftanken zur Verfügung stand. Es war die größte Niederlage der Schweizer Wirtschaftsgeschichte: Das Land und die Schweizer fühlten sich weltweit blamiert.

Fünf Jahre später kochen die Emotionen noch immer hoch: Das nun in der Schweiz gestartete Dokudrama „Grounding“, das die letzten Tage der Swissair schildert, provoziert. Und ist, als bislang erfolgreichster Dokumentarfilm der Schweiz, ein Kassenerfolg. Professionell konstruiert – die Sitzungen der Finanzwelt sind mit Handkamera gefilmt und extrem schnell geschnitten, die Fakten mit mehreren personalisierten Geschichten unterfüttert – fesselt „Grounding“ von Regisseur Michael Steiner über 150 Minuten. Wer waren die Schurken, die nicht nur die Belegschaft der Airline, sondern ein ganzes Land in Angst und Wut versetzten? Wer der Hauptschuldige? Wie konnte es in der reibungslos funktionierenden Schweiz zu einer „unkontrollierten“ Pleite kommen?

Weil der Film (vorläufige) Antworten auf diese Fragen gibt – die Schuldigen werden bei den Großbanken UBS und Credit Suisse sowie in der Politik ausgemacht – durften Informationen über den Film vor der Premiere nicht an die Öffentlichkeit dringen. Man befürchtete Klagen seitens der Akteure und Institutionen. Die Geheimniskrämerei erwies sich als prima Marketingstrategie: Der Film stahl nicht der jährlich im Januar stattfindenden Schweizer Kinoschau, den Solothurner Filmtagen, die Show. Und Wirtschaftsweise fühlen sich berufen, die Aussagen des Films zu bestätigen oder ihnen zu widersprechen. Der „Zürcher Tages-Anzeiger“ geißelte gar die waidwunde Seele des Schweizer Volks: „Schmerzhaft war und ist die Erkenntnis, dass sich nicht nur die Swissair-Manager, sondern auch wir selbst uns überschätzt hatten. Wir hatten die Latte zu hoch gelegt. Weil wir uns so sehr mit der Swissair identifizierten und diese hoffnungslos verklärten, kam ihr Niedergang einer Niederlage für die ganze Nation gleich.“

Leisere Töne über die Ursachen der Airline-Pleite hatte 2005 Christoph Marthaler am Zürcher Schauspielhaus angeschlagen. Sein Theaterstück hieß „Groundings“, und im Plural-s lag der ganze Unterschied: Anstatt Schuldzuweisungen auszusprechen, karikierte Marthaler den New-Speak auf den Chefetagen und inszenierte das Scheitern der Werte in der westlichen Welt als melancholische Farce. Solche Erkenntnisse gewinnt der Film nicht, auch wenn es stimmt, was wiederum der „Tages-Anzeiger“ schreibt: dass 2001, im Jahr von „9/11, Enron-Skandal, Börsen- und New-Economy-Crash“ die Managerlöhne um durchschnittlich vier Prozent stiegen.

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