Kultur : Luftfahrt-Sammlung: Nicht nur Bonbons abgeworfen

Kai Müller

Es gibt einen Hollywood-Film mit Hardy Krüger, in dem ein Transportflugzeug in der Sahara in einen Sandsturm gerät und notlanden muss. Krüger spielt im "Flug des Phönix" (1966) den deutschen Konstrukteur Heinrich Dorfman, der aus dem Wrack ein neues Flugzeug bauen will, um die verdurstende Mannschaft in die Zivilisation zurückfliegen zu können. Er ist wie besessen von diesem Plan und treibt die Männer unerbittlich zur Arbeit an. Mit Erschütterung müssen sie feststellen, dass Dorfmann zuvor noch nie etwas anderes konstruiert hat als Modellflugzeuge.

Holger Steinle muss lachen, wenn er an den Film denkt. "Ich kenne tatsächlich einen Modellbauer", erzählt er, "der seine Flugzeuge wie ein Konstrukteur behandelt. Als ich ihn einmal eine Maschine nachbauen ließ, für die es keine technischen Zeichnungen gab, sondern lediglich Fotografien, da stieß er auf das Problem der Querrudersteuerung. Schließlich hatte er eine Lösung ersonnen, mit der auch das historische Original hätte gelenkt werden können." Steinle ist Leiter der Abteilung Luft- und Raumfahrt im Deutschen Technikmuseum Berlin und ein Spezialist in der Rekonstruktion abgestürzter oder verschollener Flugzeuge. Er teilt Heinrich Dorfmanns Ehrgeiz nach eigenem Bekunden nicht. Er schreibt stattdessen Bücher. Eines trägt den Titel "Phönix aus der Asche".

Einmal restauriert, doppelt finanziert

In der Werkstatt des Reinickendorfer Museumsdepots stehen die Skelette zweier Nurflügelmaschinen aus dem Zweiten Weltkrieg sowie der durchlöcherte, poröse Rumpf einer "Pfalz D 8", eine von insgesamt 65 weltweit noch erhaltenen deutschen Oldtimern, die vor 1918 gebaut wurden. Vielleicht wird diese Rarität einmal aussehen wie jene silbern glänzende "Halberstadt CL IV", die im Lichthof des Museums hängt. Der Doppeldecker war kurz vor Kriegsende für Luftangriffe auf feindliche Bodentruppen entwickelt und später von einem ehemaligen Jagdflieger als Post- und Passagierflugzeug eingesetzt worden. Als sich das Geschäft nicht mehr lohnte, stellte er diese und zwei Schwestermaschinen in einem Hangar in Böblingen ab, wo sie im Zweiten Weltkrieg durch einen Bombentreffer stark beschädigt wurden.

Als der alte Jagdflieger Anfang der 80er Jahre eine dauerhafte Bleibe für seine ramponierten Oldies suchte, fand sich in Deutschland niemand, den die historischen Stücke interessiert hätten. So wanderten vier Rumpfteile nebst zahlreichen Ersatzteilen zum US Air Force Museum in Dayton, wo sie im Depot verschwanden. Dass die Halberstadt heute in Berlin zu sehen ist, verdankt das Museum einem Handel - und dem Ruf, die beste Restaurationswerkstatt für Holzflugzeuge auf der Welt zu haben: Bei einem Besuch des ehemaligen Museumsdirektors Günther Gottman in Dayton wurde vereinbart, dass die Berliner, die sich bereit erklärten, alle vier Flugzeuge zu restaurieren, zwei davon behalten durften.

Dieser Fall ist charakteristisch für die Bedingungen, unter denen das Berliner Technikmuseum seine Archive und Lager füllt. Denn als es 1982 unter dem Namen "Museum für Verkehr und Technik" gegründet und im folgenden Jahr auf dem ehemaligen Betriebsgelände des Anhalter Bahnhofs und der Markt- und Kühlhallengesellschaft Linde eröffnet wurde, stand es gewissermaßen mit leeren Händen da. Es trat zwar die Nachfolge von immerhin 100 technischen Sammlungen der Stadt an, doch deren Bestände waren nach dem Krieg entweder weitgehend zerstört oder unauffindbar. Neben dem früheren Museum für Verkehr und Bau sowie dem Meereskundlichen Museum hatte die Deutsche Luftfahrt-Sammlung mit über 100 Motorfliegern bis dahin eine der bedeutendsten historischen Flugschauen überhaupt dargestellt. Ihre Ursprünge reichten bis in die Anfangstage der Luftfahrt zurück, als die Gaststätte von Franz Tolinski am Flugplatz Johannisthal "Reliquien aus verhängnisvollen Aeroplan- und Ballonskatastropen" auszustellen begann und ausrangierte Flugzeuge nicht abgewrackt, sondern dort in Hangars eingelagert wurden. Zuletzt war die Sammlung im Austellungspalast nahe dem Lehrter Stadtbahnhof untergebracht, bis britische Bomber das Gebäude im November 1943 zerstörten. Die Trümmer begruben das gigantische Dornier Wasserflugzeug "Do X" unter sich, das in der Ruine noch Jahre später an den kurzfristigen Versuch erinnerte, in Berlin ein staatliches Luftfahrtmuseum aufzubauen.

Archäologie der Lüfte

Holger Steinle hat zweimal promoviert, aber er macht kein Aufhebens davon. Er hat es in Fächern getan, die seiner jetzigen Profession nicht unbedingt entsprechen: "Ich sehe mich als Archäologe, als Detektiv, der verloren geglaubte historische Objekte wiederfindet und ihren Lebensweg dokumentiert." Jahrelang tat er das aus privatem Interesse. Zunächst setzte er sich für die Erhaltung des Hamburger Bahnhofs ein, des ehemaligen Verkehr- und Baumuseums, das einmal im Jahr von zwei alliierten Offizieren aufgesucht wurde, ansonsten aber nicht betreten werden durfte. Dann fing er an, Nachforschungen über den Verbleib der Luftfahrt-Sammlung anzustellen, die vor der Bombardierung ausgelagert worden war. Ein deutscher Offizier hatte Teile der Ausstellung, zu der unter anderem die Curtiss Hawk von Udet zählte, in seine pommersche Heimat verfrachten lassen, um sie vor den alliierten Luftangriffen in Sicherheit zu bringen. Vier Maschinen standen in der Autowerkstatt seines Onkels, andere waren in Scheunen, Viehställen oder im örtlichen Tanzsaal untergebracht. Dort, im heute polnischen Czarnkow, hätten die Museumsschätze den Krieg vermutlich auch unbeschadet überstanden, wenn sie beim Vorrücken der sowjetischen Truppen nicht entdeckt und teilweise zerstört worden wären. 24 Maschinen landeten schließlich über Umwege im Depot des Krakauer Museums für polnische Luftfahrt. Nachdem Steinle sie dort ausfindig gemacht und fotografiert hatte, bot Gottmann ihm den Posten des Abteilungsleiters an.

Die Verhandlungen mit Polen gestalten sich nach wie vor kompliziert. Man muss eine Regelung finden, die die ungeklärten Besitzverhältnisse außer Acht lässt. Und so ist es eine Ironie des Schicksals, dass Steinle über die jahrzehntelangen Bemühungen zur Rückführung der noch etwa 20 in Krakau befindlichen Maschinen, eine der umfangreichsten Luftfahrt-Sammlungen in Deutschland zusammengetragen hat. Sie besteht aus 44 originalen Flugapparaten, deren ältester eine Jeannin Stahltaube von 1914 ist. Die werden durch vier maßstabsgetreue Nachbauten der Lilienthalgleiter sowie etliche Motoren und Modelle ergänzt. Über der Terrasse des Erweiterungsbaus hängt bereits weithin sichtbar einer von zwei "Rosinenbombern", die an das jüngste Kapitel der Berliner Luftfahrtgeschichte erinnern. Ein anderes Schmuckstück ist die 1941 in Dessau gebaute Ju 52, die Berlin 1961 von der spanischen Regierung geschenkt wurde. Noch sieht der silberne "Wellblech"-Klassiker, den die Handwerker zur Seite rollen müssen, um den Holzboden abzuschleifen, nicht wie ein Flugzeug aus: Die Tragflächen fehlen und die Motoren sind mit Plastikfolie umwickelt.

Doch die "alte Tante Ju" verkörpert bereits die hohen Erwartungen, die mit dem 140 Millionen Mark teuren Neubau verbunden sind. Zugleich symbolisiert das flügellose Gerät aber auch die prekäre finanzielle Situation des Museums. Denn obwohl es den Erweiterungsbau gegen die Finanznot des Senats durchgesetzt hat, fehlen der Direktorin Lieselotte Kugler annähernd 4 Millionen Mark, um das neue Gebäude überhaupt in Betrieb zu nehmen. Außerdem stehen weitere 15,7 Millionen Mark für dessen Einrichtung aus, die ebenfalls aus der Kostenplanung hinausgerechnet worden sind. Jetzt kann der schmucke viergeschossige Anbau weder mit Computern noch mit Rolltreppen bestückt werden. Um das finanzielle Dilemma aufzufangen, wurde vom Abgeordnetenhaus Ende des Jahres die Gründung einer Stiftung beschlossen und am morgigen Mittwoch will der Hauptausschuss des Parlaments sich vor Ort über die Lage zu informieren. Doch es ist fraglich, ob eine Stiftungslösung, in die auch die Berliner Aquarien aufzunehmen erwogen wird, die Unterfinanzierung des Technikmuseums ausgleichen kann.

Ritter der Neuzeit

Der Geldmangel treibt auch Holger Steinle Falten auf die Stirn. Nicht nur, dass die fehlenden Mittel es ihm unmöglich machen, seine Exponate in einen gesellschaftlichen Kontext einzubetten ("Wir wollen immerhin zeigen, dass die meisten Flugzeuge keine Bonbons abgeworfen haben"), auch in den Werkstätten soll er Stellen einsparen und verliert fähiges Fachpersonal.

Manchmal spielt ihm das Glück Objekte zu, die er aus eigener Kraft niemals hätte erwerben können. So lagert in einem kühlen Zimmer der Nachlass eines amerikanischen, auf die Jagdfliegergeschichte des Ersten Weltkrieges spezialisierten Sammlers, der sie dem Museum geschenkt hat. Sie hat einen Schätzwert von 1,5 Millionen Mark und umfasst originale Uniformen, Fliegermützen, Orden und Schriftstücke. Mit ihnen will Steinle illustrieren, wie widersprüchlich sich die selbsterklärten "Ritter der Lüfte" tatsächlich verhielten.

Manchmal aber spielt ihm das Schicksal auch einen Streich. Bei dem Versuch, eine abgestürzte Condor (Baujahr 1941) aus dem Meer bei Nordnorwegen zu heben, brach das weitgehend unversehrte Großraumflugzeug plötzlich auseinander. "Ein Teil des Rumpfes war bereits abgeknickt, aber als wir die Maschine auf die Bergungsplattform herablassen wollten, stürzte sie herunter. Es war furchtbar, ein entsetzliches Geräusch", erinnert er sich. Danach hätte Steinle das letzte, wenn auch nur in Einzelteilen noch erhaltene Focker-Wulf-Verkehrsflugzeug am liebsten aufgegeben. Doch die Sponsoren Lufthansa Technik, Airbus und Rolls Royce Flugmotoren ließen das Wrack in eine Bremer Halle bringen, wo es derzeit wieder aufgebaut wird. "Normalerweise machen wir soetwas nicht. Wir bemühen uns, den äußeren Zustand, in dem wir ein Original erhalten, möglichst unverändert zu lassen. Wir verstärken oder bessern die Konstruktion aus, wobei jedes von uns eingefügte Teil gekennzeichnet wird", erklärt der frühere Wirtschaftsingenieur, "aber wir machen aus alten keine neuen Flugzeuge."

Sammler sind unersättlich. Wie anders könnten sie die Enttäuschungen ertragen, die mit dem Aufspüren eines historisch einmaligen Flugzeugs einhergehen. "Der Druck, eine Sammlung aufzubauen, hat uns gezwungen, ausgetretene Pfade zu verlassen", erklärt Steinle. "Wir haben sämtliche Winkel der Erde, in denen die deutsche Luftfahrt vertreten war, nach Spuren abgesucht." Auch in den Jemen reiste Steinle, weil sich dort eine Junkers F 13 befinden sollte. Tatsächlich fand er Motorblock und Cockpit, doch der Rest blieb unauffindbar. Die F 13 ist sein "Traumflugzeug". Als erste Ganzmetallmaschine hat sie für den Historiker mindestens eine ebenso große Bedeutung "wie die erste Rakete, die über die Atmosphäre hinausgelangte".

Als er zufällig den Nachlass eines deutschen Piloten erhielt, der ein solches Flugzeug in den 30er Jahren nach Neuguinea brachte, entblätterte sich erneut eine Fährte: Der Mann hatte sich nach Kriegsausbruch mit einem Kollegen samt Flugzeug ins holländische Hinterindien abgesetzt, es in einem Dorf versteckt und sich auf den Heimweg gemacht. 1941 errichteten die Australier dort eine Garnison mit über 10 000 Soldaten. Sie entdeckten die veraltete Maschine, die zudem kanadische Abzeichen trug und verluden sie auf ein Transportschiff. Sie wurde nie wiedergesehen. Heute gibt es nur noch ein einziges Exemplar dieser Bauart. Und Steinle will kein Modell davon, er will das Original.

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