Kultur : Luftwurzelgeflecht

MARKO MARTIN

Edouard Glissant zu Gast im Berliner LiteraturhausVON MARKO MARTINWer in unschöner Regelmäßigkeit stets die Nase rümpft, wenn von Peripherien die Rede ist, und die französische Literatur nur auf Chateaubriand und Gide buchstabiert, der hätte sich im Literaturhaus eines Besseres belehren lassen können: Edouard Glissant nämlich war hier zu Gast, 1928 auf Martinique geborener und zur Zeit an der New York City University lehrender Schriftsteller, von dem in Deutschland erst kürzlich sein Großessay "Faulkner, Mississippi" erschien.In all seinen Romanen, Erzählungen und Aufsätzen (ein Gutteil von ihnen ist in hervorragender Übersetzung auf deutsch im Wunderhorn Verlag Heidelberg erhältlich) wird die Frage nach den Ursprüngen der heutigen Antillenbewohner gestellt und auf eine ganz moderne Art beantwortet: Nach der Sklavendeportation aus Afrika vor vier Jahrhunderten, der Vermischung mit der indianisch-spanischen Inselbevölkerung, nicht zuletzt aber unter dem politisch-kulturellen Einfluß Frankreichs sind Wurzeln nur noch als "Luftwurzeln", als Mangroven darstellbar.Glissant, der französisch mit stark kreolischem Akzent spricht, gab mit Leseproben dann auch dem deutschen Publikum einen Geschmack von seiner ganz eigenen Ästhetik, in der sich Mystisch-Märchenhaftes mit glasklarer Analyse und einem strengen Formbewußtsein verbindet.Der Abend wurde so zu einem Erlebnis, was sicherlich auch daran lag, daß neben der Glissant-Übersetzerin Beate Thill wieder der Schauspieler und Essayist Hanns Zischler den Part des Fragers und Moderators übernommen hatte.Nicht nur, daß Zischler simultan auf allerhöchstem Niveau übersetzte und gleichzeitig noch unbekannte sozio-kulturelle Hintergründe erläuterte - er erwies sich auch diesmal als Gesprächspartner von hohen Graden, will heißen, als einer, bei dem sich Warmherzigkeit und intellektuelle Skepsis nie gegenseitig ins Gehege geraten.Und so hörte man Glissants Lobpreis auf die Diversität der Welt, hörte sein Plädoyer für die Oralität als Ergänzung einer oft zu selbstbezogenen Schriftkultur und freute sich an einer Umkehrung des gegenwärtigen Angst-Diskurses in bezug auf die Dominanz des Anglo-Amerikanischen.Glissant: "Selbst in den USA vermischt sich diese Sprache mit dem Dialekt der Latinos oder der eingewanderten Chinesen, auf internationaler Ebene aber wird ihr Triumph zum Abstieg: Englisch kann mittlerweile jeder sprechen, aber damit wurde gleichzeitig eine reiche und vielfältige Sprache zu einem Airport-Code, in dem sich zwar Japaner und Ukrainer miteinander verständigen können, dem nun aber jedes Geheimnis, jede Überraschung völlig abgeht." Wer diese Überraschungen aber doch noch finden möchte, der sollte nicht zögern, einmal in Edouard Glissants Welt, eine Art Nachbaruniversum zu Derek Walcotts Lyrikwerk, einzutauchen.

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