Kultur : Lustbarkeit und Sans Souci!

Das BerlinBallett der Komischen Oper zeigt mit „BaRock“, was in ihm steckt

Franz Anton Cramer

Man möge nicht so viele kulturpolitische Kommentare abgeben, so hatte sich Tänzersprecher Micky Friedmann gegenüber Journalisten ereifert, sondern lieber die künstlerische Arbeit des BerlinBalletts-Komische Oper würdigen. Dem Anliegen der Tänzer soll hier gerne entsprochen werden. Denn mit dem gemischten Abend „BaRock“ ist der Komischen Oper zweifellos ein Punktsieg gelungen. Den Auftakt macht Dominique Bagouets „Suite pour violes“. Bagouet, ausgebildeter Balletttänzer, hatte 1977 mit diesem Stück einen entscheidenden Schritt getan zur persönlichen Aneignung des klassischen Erbes. Seine Choreografie zu Sätzen für Gambe und Basso continuo besteht aus einem grübelnden Eröffnungssolo, das Olivio Sarrat mit großer Gebärde tanzt, einem schüchternen Duett (Mara Vivas, Olivier Mauduy) voll huschender Berührungen und schließlich einem verwirbelten Trio, in dem Carolina Constantinou, Olivio Sarrat und Jorge Morro synkopisch zu souveräner Heiterkeit finden. Man spürt den klassischen Duktus in jedem einzelnen Gelenk, jedem Finger, jeder Drehung. Und zugleich sieht man das Heraustanzen aus der Regel - ohne die schöne Linie zu verraten.

Stücke von Dominique Bagouet, einem Pionier des zeitgenössischen Tanzes, der 1992 gestorben ist, sind auf deutschen Tanzbühnen fast nie zu sehen. Ein Fehler, den die Komische Oper zu Recht korrigiert. Auch Amanda Millers „Four for Nothing“ ist eine exzellente Wahl. Das 1997 für Millers Freiburger Kompanie Pretty Ugly entstandene Stück ist eine ebenso schnurrige wie tiefgründige Beschäftigung mit Inbrunst, Weltangst und Geistesklarheit des 17. Jahrhunderts. Ein Clown und Unruhestifter hat dabei die Rolle dessen, der Gott und die Welt hinterfragt. Erst als der jubilierende erste Satz aus Bachs sechstem Brandenburgischen Konzert erklingt, muss er hinter dem blumigen Tanz zurücktreten. Das Orchester der Komischen Oper spielt unter Leitung von Ketil Haugsand in fast jahrmarkthafter rhythmischer Leichtigkeit, geschmeidiger Präzision und mit bei Bach selten gehörtem Schmelz. Und Amanda Miller scheut keinerlei Nähe zum klassischen Vokabular, seinen beschwingten Épaulements, tiefen Balancés und ornamentalen Sprungfiguren. In flatternden Hosen und halboffenen Hemden wirken die Tänzer wie eine ausgelassene Sommergesellschaft. Hier schmeckt alles nach Lustbarkeit und Sans Souci.

Auf Itzik Galilis Duett „Fragile“ (Anna Sappho Polychronopoulu, Micky Friedmann), das in der tänzerischen Darbietung verstolpert und ausdruckslos wirkte, folgt dann als letzter Programmpunkt Blanca Lis „Central Station“ von 1994. Darin lässt die spanische Choreografin Gruppen auf- und wieder abtreten, mal im Laufschritt, mal im Rehsprung, mal im Gänsemarsch. Doch das Stück wirkt vor allem wie der verzweifelte Versuch, einen Kindergeburtstag zu animieren. Die im Titel versprochene Thematik von Aufbruch und Ankunft, Eilen und Warten, Begegnung und Fremdheit hat keinerlei spezifische Form gefunden. Auch der Bezug zu Bachs Cembalo-Konzerten bleibt beliebig.

Es ist vielleicht ein Akt der Loyalität seitens des BerlinBalletts der Komischen Oper (und seiner neuen künstlerischen Leiterin Adolphe Binder) gegenüber Blanca Li, „Central Station“ im Programm zu haben. Vielleicht war auch einfach schon ein Vertrag unterzeichnet. Jedenfalls eignet sich dies schale Stück nicht zum Abschluss eines Abends, der im ersten Teil so viel euphorischen Ensemblegeist hatte spüren lassen. Beides aber braucht es zweifellos, um – Micky Friedmann möge entschuldigen – beim grausamen Spiel der Berliner Kulturpolitik mithalten zu können. Schließlich geht es hier immer ums Ganze.

Wieder am 27. 10. und 1. 11., 20 Uhr

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