Kultur : Ma schwätzet doitsch

Christian Schröder

Die Stimme klingt rau und brüchig, als ob sie eingerostet wäre. Sie spricht Sätze, die aus einer fernen Vergangenheit zu stammen scheinen: "Der Roggen ist abgemacht", "die Frucht war gut dies Jahr", "wir machen den Hafer ab in einer kurzen Zeit". Die Stimme kommt aus einem DAT-Recorder, sie gehört Bill, der als Sohn deutscher Einwanderer auf einer Farm in Wisconsin aufgewachsen ist. Bill ist 83. Sein Vokabular reduzierte sich mehr und mehr, die Syntax zerbröselte, die Aussprache schliff sich ab. Man kann das hören, denn Bill ist zwei Mal in seinem Leben von Linguisten interviewt worden. 1947 gab er noch in fließendem Deutsch Auskunft, 2000 sprach er bloß noch stockend. "Bill hat seine Deutsch-Kompetenz weitgehend verloren", sagt Peter Wagener und drückt auf die Stop-Taste.

Wagener arbeitet als Sprachwandelforscher am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache, er untersucht, was die Fremde mit einer Sprache macht. Früher - so das Ergebnis seines so genannten "Re-Recording"-Projekts - wechselten deutsche Einwanderer in Amerika ihre Muttersprache erst in der dritten Generation, heute ist die Assimilierung bereits in der zweiten Generation abgeschlossen. Das Deutsche, so scheint es, verschwindet immer schneller. Wagener stellte seine linguistischen Feldforschungen bei einem Kongress im Deutschen Haus der New York University vor, dessen Titel "Das Schicksal der europäischen Sprachen und die Zukunft des Deutschen im Zeitalter der Globalisierung" lautete.

Das Deutsche hat seine Zukunft als Weltsprache hinter sich, darüber waren sich die aus Österreich, der Schweiz, Holland, Dänemark, Ungarn und Deutschland angereisten Wissenschaftler einig. Unklar war nur: Muss man darüber traurig sein? Der sächsische Kulturminister Hans Joachim Meyer (CDU) meint: Man darf. Er erinnerte an eine Vergangenheit, in der Deutsch wenigstens für eine kurze Zwischenzeit, vom Kaiserreich bis in die Weimarer Republik, die Lingua Franca der wissenschaftlich Welt gewesen sei. Deutsche Naturwissenschaftler, die international wahrgenommen werden möchten, publizieren inzwischen lieber gleich auf Englisch, und altehrwürdige Fachblätter wie die "Physikalischen Berichte" heißen nun "Physical Abstracts". Die Ursache des Bedeutungsverfalls sieht der Germanist Meyer in einem "linguistischen Appeasement". Das "Global Village" sei in Wirklichkeit ein "American Village", in dem jeder Peripherie-Bewohner glaube, "bloß in einem weniger schönen Vorort von New York" zu leben.

Bundespräsident Johannes Rau hatte unlängst die "Lieblosigkeit" der Deutschen gegenüber ihrer Muttersprache beklagt, Meyer sprach schärfer von "Verachtung", in der er ein Symptom eines gebrochenen Verhältnisses der Deutschen zu ihrer Geschichte vermutet. Die Kinder und Enkel der Nazis versuchen demnach der Schuld ihrer Vorfahren zu entkommen, indem sie vom kontaminierten Zungenschlag in die kuscheligere Identität eines "Euro-English" wechseln, die Telefon-Post in "Telekom" umbenennen, den Euro mit "Starter Kits" begrüßen und Bands gründen, die "Element Of Crime" heißen. Um die Degradierung des Deutschen zu stoppen, so Meyer, hilft nur eines: mehr Deutschunterricht für Deutsche.

Sprachen haben sich nie an Reinheitsgebote gehalten, und das Deutsche hat sich über Jahrhunderte Begriffe aus anderen Sprachen einverleibt, am liebsten aus dem Lateinischen und Französischen. Vom linguistischen Standpunkt aus sind Fremdwörter ohnehin keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. Sie nehmen einer Sprache nichts, im Gegenteil, sie geben ihr etwas: sich selbst. "Überflüssige Wörter gibt es nicht, auch keine überflüssigen Fremdwörter", stellte Rudolf Hoberg fest, der Präsident des Mannheimer Instituts für deutsche Sprache. Ein "Date" ist um eine entscheidende Nuance anders als eine Verabredung, und "Kids" lassen sich nicht mit "Kindern" gleichsetzen.

Genauso alt wie die Geschichte der Anglizismen ist auch die Geschichte des Kampfes gegen sie. Schon der Allgemeine Deutsche Sprachverein erlies bei seiner Gründung 1899 eine Resolution, in der er "wider die Engländerei in der deutschen Sprache" wetterte. Die Argumente der Sprachschützer sind seitdem die gleichen geblieben, nur dass sie sich jetzt gegen die Amerikaner und ihre "Coca-Cola-Kultur" richten. In der Angst vor einer "Überfremdung" der eigenen Sprache mischen sich Minderwertigkeitsgefühl und Xenophobie.

Man müsse nicht die deutsche Sprache vor den Anglizismen schützen, merkte der Kasseler Germanist Andreas Gardt polemisch an, sondern umgekehrt das Englische vor dem Deutschen. Sein BSE-Alarm galt dem "Bad Simple English", einer Pigeon-Sprache mit absurden Begriffen wie "Handy" oder "Rail & Fly", die englisch klingen, aber von keinem Engländer oder Amerikaner verstanden werden. "Englische Begriffe sagen uns, wohin wir aufbrechen könnten, die deutschen bloß, wo wir sind", befand die Linguistin Prisca Augustyn von der Florida Atlantic University aus Boca Raton. In der englischen Sprache schwingt ein Gefühl von Freiheit und Weite mit, das macht sie so attraktiv. Es klingt nicht bloß "cooler", "sorry" statt "Entschuldigung" oder "strange" statt "merkwürdig" zu sagen, es signalisiert auch Weltläufigkeit.

Die Zukunft des Deutschen liegt in seiner Bastardisierung, die Erneuerung geschieht von den Rändern aus. Yasemin Yildiz, Germanistin aus Cordell, deutet die "Kanak Sprak" der zweiten und dritten Generation türkischer Einwanderer als Versuch, ein eigenes Sprachterrain zu besetzen und den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft durch ironische Affirmation zu brechen. Die "Kanakster" bezeichnen sich selber mit einem Schimpfwort, nennen die Deutschen in der direkten Übersetzung aus dem Türkischen "Alemannen" und mischen Türkisch, Deutsch, HipHop-Englisch und deutsche Regional-Dialekte zu einem fröhlichen Kauderwelsch.

Eine gewisse Melancholie hing über dem Kongress, der den Bedeutungsverlust der deutschen Sprache auch dadurch illustrierte, dass fast alle Referate auf Englisch gehalten wurden. Dem Kleinmut der aus Deutschland eingeflogen Professoren traten ausgerechnet die Gäste selbstbewusst entgegen, die den kürzesten Weg zurückgelegt hatten: deutschsprachige Amerikaner aus Pennsylvania. "Ma schwätzet doitsch", sagte Reverend Richard Wolf. Seit sich 1631 die ersten Einwanderer aus dem südlichen Rheinland in dem nordöstlichen Bundesstatt niedergelassen haben, ist Deutsch dort in weiten Landstrichen die meistgesprochene Sprache. Es gibt deutsche Kulturvereine, die sich zu "Versammlings" treffen, Feste wie den "Murmeltiertag" und Dutzende deutschsprachige Zeitungen, die zum Beispiel "Hiwwe un Driwwe", Hüben und Drüben, heißen. Die Wurzeln des Pennsylvania German reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. "Pennsylvania German ist eine Sprache", verkündete Wolf, "und Deutsch bloß ein Dialekt". Die deutsche Sprache lebt - in Amerika.

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