Kultur : Mach mal Licht

Eine Nacht mit HK Gruber in der Philharmonie.

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Es ist ein wahres Nachtprogramm, das die Philharmoniker zur dritten Folge ihrer Late-Night-Konzerte ausgegraben haben. Es lodert und glimmt, es scheppert und swingt. Fürs Schwarzhören bis Mitternacht hat Simon Rattle einen Freund aus Wien eingeladen, den Chansonnier und Komponisten HK Gruber. Dessen „Frankenstein!!“-Singspiel hoben der 21-jährige Assistenzdirigent Rattle und Gruber 1978 aus der Taufe. Seither wird das lustvoll zusammengenähte Schauerstück weltweit gefeiert. Jetzt wollte man es zusammen in der Philharmonie aufführen, für unersättliche Musiksauger und andere Nachtgestalten. Doch Rattle musste krank das Bett hüten, das Publikum erfuhr es erst zu Konzertbeginn. Wäre auch jammerschade, wenn sich jemand wegen des abwesenden Chefs diese Nacht hätte entgehen lassen.

HK Gruber aber kann alle Rollen spielen, die des knarzigen Moderators dazu. Und der nimmt uns mit ins Berlin des Jahres 1928, wo Kurt Weill der Komponist der Stunde ist. Das bringt ihm auch den Auftrag zum Song „Berlin im Licht“ ein, der die voranschreitende Elektrifizierung der Metropole preist. Vordergründig. „Komm, mach mal Licht, damit man sehn kann, ob was da ist“ – eine Zeile wie diese geht übers Werbliche hinaus. Deutlicher noch die „Öl-Musik“ für die ökonomische Komödie „Konjunktur“ an der Piscator-Bühne: „Petroleum heißt unser Vaterland. Dafür zerlöchern wir uns das Fell: Shell! Shell! Shell!“ Gruber krächzt, die Musik ätzt elegant, die philharmonischen Nachtarbeiter glühen für Unterhaltung mit Biss. Darin eingelassen wie ein dunkler Kristall: Berios Sequenza X für Trompete und Echolot-Klavier, von Gábor Tarkövi souverän ins Blaue geblasen.

Dann platzen Tüten, sausen Rohre, schnarren Miniaturinstrumente bei „Frankenstein!!“, dem Pandämonium für Chansonnier und Ensemble nach Kinderreimen von H.C. Artmann. Grausam gute Laune zu verbreiten – dieses Ziel erreichen Gruber und seine philharmonische Band erschreckend lustvoll. Eine bittere Pille allerdings ist zu schlucken: Dies war die letzte Late Night der Saison. Grauenhaft! Ulrich Amling

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