Kultur : Macht auf die Tür

Frankfurt rekonstruiert seine klassizistische Stadtbibliothek – und die Kunsthalle „Portikus“ zieht um

Christian Huther

Einer der schönsten klassizistischen Bauten Deutschlands ersteht bald wieder. Die von Bürgern gestiftete, von Johann F. C. Hess entworfene Stadtbibliothek galt zu ihrer Bauzeit 1820-25, also nach der napoleonischen Besatzung, als Denkmal der Befreiung und als Bekenntnis zur Macht der Bildung. Davon kündet heute noch die lateinische Inschrift im Giebel mit der Formel „Den Künsten – nach der Wiedererlangung der Freiheit – die Bürgerschaft“. Doch nach der Bombardierung Frankfurts 1944 blieb nur der Vorbau mit der Säulenhalle stehen, der Portikus.

Erst seit 1987 wird er wieder genutzt, als Eingang für eine aus mehreren Containern bestehende „Kunstkiste“ des damaligen Frankfurter Städelschulrektors und heutigen Museum-Ludwig-Chefs Kasper König. Er machte aus der kleinen „Portikus“-Halle in der Nähe des Römers ein international renommiertes Institut, das jungen wie arrivierten Künstlern ein Forum für unkonventionelle Auftritte bietet. Auch unter Königs seit knapp zwei Jahren amtierendem Nachfolger Daniel Birnbaum blieb das so, obwohl das Institut schon mehrfach nur mit knapper Not vor dem finanziellen Ruin gerettet werden konnte. Nun aber steht es dem Wiederaufbau der alten Stadtbibliothek im Wege.

Doch mit dem nahen Standort auf einer Maininsel westlich der Alten Brücke fand sich ein Ausweichort, auch die Finanzierung über einen Investor scheint gesichert. Im Frühsommer 2003, wenn nach dem Beschluss des Magistrats der Stadt Frankfurt mit dem Wiederaufbau der Stadtbibliothek begonnen wird, muss der „Portikus“ weichen und bis zur Fertigstellung seines Neubaus Ende 2003 andere Quartiere nutzen. Immerhin wird der Neubau mit 450 Quadratmetern Fläche etwas größer sein als bisher, die Baukosten werden auf 750000 Euro veranschlagt. Die endgültige Form indes steht noch nicht fest, der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler lieferte bisher lediglich einen Entwurf.

Auch die neue Stadtbibliothek soll Mäckler bauen, der durchaus ein Faible für historische Stile hat. Das Äußere will er mit dem langen, nach außen hin zweigeschossigen Bau samt sechs korinthischen Säulen und einer mächtigen Freitreppe originalgetreu rekonstruieren. Im Inneren hingegen kann sich Mäckler völlig frei entfalten, zumal der Bau keine Bibliothek mehr, sondern das Literaturhaus aufnehmen soll.

Im Erdgeschoss entstehen ein Vortragsraum mit 200 Plätzen und ein Restaurant mit Terrasse. Für das Obergeschoss sind Ausstellungs- und Verwaltungsräume vorgesehen; zudem hat Mäckler einen repräsentativen Saal mit umlaufender Galerie, Holzvertäfelung und marmorierten Wänden entworfen, der ob seiner prachtvollen Ausstattung umstritten ist. Im Dachgeschoss schließlich sind zwei Dichterwohnungen geplant.

Sogar die Finanzierung dieses prestigeträchtigen Wiederaufbaus ist bereits gesichert. Ein seit mehreren Jahren die Werbetrommel rührender Bürgerverein hat einen Großteil der veranschlagten, bis zu elf Millionen Euro beisammen; nur für die Inneneinrichtung will man noch um Spenden bitten. Nach der voraussichtlichen Fertigstellung im Frühjahr 2005 soll die alte Stadtbibliothek ins Eigentum der Stadt übergehen, die dann für den Unterhalt aufkommen muss. Immerhin erspart der Einzug des Literaturhauses der Stadt eine Jahresmiete in Höhe von 350000 Euro.

Damit aber der Blick auf das neue, alte Kleinod ungetrübt bleibt, soll das dahinter stehende Schwesternwohnheim, das als eines der hässlichsten Gebäude der Stadt gilt, zumindest so weit abgetragen werden, dass es nicht mehr über die Stadtbibliothek hinaus ragt. Nicht umsonst gilt dieser Platz am Mainufer, der im Straßennamen eine „Schöne Aussicht“ verheißt, derzeit als eine Schmuddelecke.

Mit dem Wiederaufbau setzt sich der allerorten zu beobachtende Hang zu originalgetreuen Repliken auch in Frankfurt fort. Bezeichnend für die seit Jahren notorisch klamme Stadt ist, dass ein Bürgerverein das Vorhaben alleine stemmt. Erst kürzlich wurde die Rekonstruktion des barocken Thurn-und-Taxis-Palais im Stadtzentrum beschlossen, wiederum finanziert von einem privaten Investor. Frankfurt scheint die ideale Formel für das Zusammenspiel von Wiederaufbau, Bürgerengagement und Sparbemühungen gefunden zu haben.

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