• "Madame Bovary" lässt sich wieder schreiben: Die Romane von Elke Schmitter und Gisela Elsner

Kultur : "Madame Bovary" lässt sich wieder schreiben: Die Romane von Elke Schmitter und Gisela Elsner

Hellmuth Karasek schreibt an dieser Stelle kü

Das "großartige und schreckenerregende Wort Gerechtigkeit" bemühte Gustave Flauberts Zeitgenosse Baudelaire, um die Wirkung der "Madame Bovary" zu beschreiben, eines Romans, dem jede Person fehlt, die eine Moral zu repräsentieren hätte. In diesem Buch, dessen Genauigkeit unerreicht ist, gibt es keinen Hoffnungsschimmer gegen die Verzweiflung der Provinz-Leere, die Wahrheit der Liebessehnsucht, die auf die Gemeinheit der beiden Liebhaber trifft. Im Gegenteil: Der in der Stagnation des Restaurations-Frankreich vom Fortschritt plappernde Apotheker Homais und der wirtschaftlichen Fortschritt verkörpernde Kaufmann Lheureux sind unter lauter lächerlichen Gestalten die lächerlichsten. Weil sie siegen, sind sie die eigentlichen Verlierer. Die aufregendste Liebesszene vollzieht sich in einer Kutschfahrt durch Rouen: Mit keinem Wort wird erwähnt, was sich hinter den Vorhängen abspielt. Das war der Skandal, der zu einem Sittlichkeitsprozeß führte. Elke Schmitter hat in ihrem soeben erschienenen Roman "Frau Sartoris" (Berlin Verlag) diese Kutschfahrt zitiert und parodiert, die Kutsche steht in diesem Roman, der das Klassensystem der deutschen Provinz der 50er Jahre festhält, in einem Museum. Die zu Unrecht vergessene, 1992 aus dem Leben geschiedene Gisela Elsner hatte ihre Bovary in eine Trabanten-Stadt Münchens der 60er und 70er Jahre verlegt: "Abseits" (Rowohlt, 1982). "Madame Bovary" lässt sich nicht nur wieder lesen, sondern auch schreiben.Hellmuth Karasek schreibt an dieser Stelle künftig jede Woche über alte und neue Bücher.

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