Kultur : Madonna in der Gosse

Christian Schröder

Wie man sich bettet, so träumt man. Johnny Depp hat es sich auf einem Kanapee bequem gemacht, , das Mundstück seiner Opiumpfeife zwischen den Zähnen. Die Kamera fährt ganz nah an sein Auge heran, das nervös unter dem Lid flackert. REM-Phase: Depp träumt. Nein: Er sieht. Eine Frau, die verfolgt wird. Ein Messer, das immer wieder in einen Körper gestoßen wird. Blut, das von oben nach unten durch das Bild fließt. Depp spielt in "From Hell" den Scotland-Yard-Inspektor Abberline, der bei der Fahndung auf unkonventionelle Methoden setzt. Wo das Bewusstsein nicht ausreicht, um ein Verbrechen zu verstehen, muss man dieses Bewusstsein eben erweitern. Doch in dem Moment, wo Abberline sich eine Vorstellung von dem Täter zusammenzuhalluzinieren beginnt, wird er unsanft geweckt. Sein Assistent Godley - gespielt von Robbie Coltrane, dem kolossalen Polizeipsychologen aus dem Fernsehkrimi "Fitz" - rüttelt an seiner Schulter und sagt, es sei schon wieder eine tote Prostituierte gefunden worden. Sie wurde genauso ermordet, wie es der Inspektor geträumt hat: mit dem Messer.

"From Hell" stand auf einem Paket, das dem Präsidenten der Bürgerwehr im Londoner Armenviertel Whitechapel im Oktober 1888 zugestellt wurde. Es enthielt eine halbe menschliche Niere und die Mitteilung, die andere Hälfte habe der anonyme Absender aufgegessen. Bis heute ist ungeklärt, ob das Paket tatsächlich von dem Mann stammte, der als erster Serienmörder der Geschichte gilt: Jack the Ripper. Weil die Niere aber in Spiritus eingelegt war, ist vermutet worden, dass der Schlitzer über medizinische Grundkenntnisse verfügt haben müsse. Der in nostalgische Sepiafarben getauchte Thriller "From Hell", nach einem gleichnamigen Monumental-Comic von den Brüdern Albert und Allen Hughes ("Menace II Society") inszeniert, macht sich diese Spekulation zu eigen. Streckenweise hat der Film das Zeug zum anatomischen Lehrstück, das seine Zuschauer anhand von Großaufnahmen blutiger Organe mit den Besonderheiten des weiblichen Körperbaus vertraut macht. Fünf Prostituierte tötete der Ripper innerhalb von zehn Wochen, meist entnahm er ihnen Teile der Eingeweide.

Dabei hätte "From Hell" derlei Metzeleien nicht nötig. Der Horror des Films beruht nicht auf dem Blut, das er fließen lässt, sondern auf der Atmosphäre einer subtilen Beklemmung, die er herzustellen weiß. In dem nebligen Gaslaternen-London, das die Regisseure am liebsten aus der Handkamera-Perspektive zeigen, kann hinter jeder Ecke der Tod lauern. Eine Handvoll Prostituierter trifft sich zu einer Art Halbweltdamenkränzchen in den Kaschemmen von Whitechapel, wie im Lied von den zehn kleinen Negerlein werden sie eine nach der anderen vom Ripper erstochen. Heather Graham, mit ihrem von kupferroten Haaren gerahmten Madonnenantlitz eigentlich viel zu schön für diesen Beruf, bleibt als letzte übrig. Natürlich verliebt Johnny Depp sich in sie, natürlich nimmt das Verhängnis damit seinen Lauf. "Eins ist sicher", sagt der Polizeipräsident, "ein Gentleman kann nicht der Mörder sein". Sicher ist damit nur, das verrät der Film viel zu früh, dass es ein Gentleman war, einer aus den allerhöchsten Kreisen. Was als surreales Horrormärchen begann, endet als gehobenes BBC-Costume-Drama.

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