Kultur : Mädchenprinz

Theatertreffen: „Macbeth“ aus München.

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Vor vielen Jahren hatte Luc Bondy bei seinem einzigen Ausflug ins Konzepttheater das blutige Ehepaar Macbeth in Köln einmal als zwei androgyne Kindsgreise vorgeführt – und dazu den Akteuren Hermann Lause und Ilse Ritter lange Bärte angepappt. Der Rest ist vergessen. Vor wenigen Jahren hat dann der späte, große Jürgen Gosch in seinem Düsseldorfer „Macbeth“ auch die Frauenrollen, wie zu Shakespeares Zeit, von Männern spielen lassen. Und alle nackt. Das machte Skandal, war irgendwie auch ein Konzept – und wurde von so tollen Schauspielern wie Ernst Stötzner, Thomas Dannemann und Devid Striesow zu einer starken, harten Eröffnung des Theatertreffens gemacht.

Blutgräuel und Entblößungen gab’s gleichfalls zum Auftakt des diesjährigen Theatertreffens. Doch Johan Simons’ Sarah-Kane-Trilogie von den Münchner Kammerspielen war eine unsentimental gefühlvolle, puristisch elegische Seelenschmerz-Exhibition. Nach diesem, niemanden kalt lassenden Beginn wirkten die Münchner Kammerspieler bei ihrem zweiten TT-Gastspiel mit „Macbeth“ nun sonderbar blass. In Karin Henkels Inszenierung, die 20 Rollen auf fünf Akteure verteilt, sind Männer Frauen und Frauen Männer. Vom Unisex zum Metrosex zum Zerosex. Die schmale Schauspielerin Jana Schulz, die mit ihrem blonden Bubenkopf an einen sehr jungen, verdünnten Ben Becker erinnert, spielt Macbeth. Nicht als androgynen Usurpator, eher ein verschreckt verträumter Kindersoldat.

Das soll irgendwie aktuell oder gar konzeptionell wirken, und im Programmheft ist von grausig ausflippenden Jung- GIs in Afghanistan die Rede. Aber das bleibt geduldiges Papier. Auf der Bühne steht und fällt nur ein piepsiger bleicher Mädchenprinz, eine Königskindin. Aus Irgendwo ins Nirgendwo. Shakespeares Macbeth nennt das Leben ein Märchen, erzählt von einem Idioten. Das ist im wahren Drama: ein philosophischer Witz.

Hier aber fehlen Witz – und Wucht. Das Spiel auf Muriel Gerstners flachem Podest mit einem halb aufgeschnittenen schwarzen Albtraumhaus in der Mitte macht auf der kleineren Bühne der Münchner Kammerspiele gewiss einen konzentrierteren Eindruck. Im breiten Berliner Festspielhaus verliert sich vieles, zumal das Ensemble nicht Kraft und Kontur hat, gegen den größeren Raum anzuspielen. In der Henkel’schen Tartarfassung aus blutigem Original (mit einer Spur „Hamlet“), Thomas Braschs Übersetzung und etwas denglischem Eigenbau bleiben so ein paar verzückt verschreckte Augenblicke von Jana Schulz. Bleiben auch die sich in ihren koketten Tütüs leider zu schnell ins Läppische verläppernden Hexen (Katja Bürkle, Stefan Merki, Kate Strong). Und sind schon wieder weg. Peter von Becker

Nochmals heute, Mittwoch, um 19. 30 Uhr im Festspielhaus.

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