Kultur : Mädel ohne Grenzen

Zum 80. Geburtstag der Schauspielerin Sonja Ziemann

Christian Schröder

Als der Krieg fünf Jahre vorüber war, sehnten sich dieDeutschen nach Ablenkung. Von den Trümmerfilmen, die sie mit den Beschwerlichkeiten ihres Alltags konfrontierten, hatten sie genug. Im Kino suchten sie vor allem eins: Entspannung. „Das Publikum flüchtet aus der harten Realität hypervergnügt in die farbigen Traumgefilde“, notierte der „Film-Dienst“. „Warum nicht? Diese harmlose Augen- und Ohrenweide ist sehenswerter als so mancher Schauer- und Schurkenfilm.“ Gemeint war „Das Schwarzwaldmädel“, der erste deutsche Nachkriegs-Farbfilm, der im September 1950 in die Kinos kam. Ein azurblauer Himmel wölbte sich da über der agfacolorbunten Berglandschaft des deutschen Südwestens, ein Chor sang: „Mädel aus dem schwarzen Wald / Die sind so schwer zu kriegen.“ Am Ende bekam Rudolf Prack als Maler aus der Stadt dann aber doch Sonja Ziemann, die das Mädel vom Lande spielte.

„Das Schwarzwaldmädel“ lockte 16 Millionen Zuschauer ins Kino und machte die beiden Hauptdarsteller über Nacht zum „Traumpaar“ des deutschen Films. Bald gründeten sich „Zieprack“-Fanclubs, die die Begeisterung für ihre Idole in holprige Verse fassten: „So sind wir immer in Rhythmus und Takt / Für Sonja Ziemann und Rudolf Prack.“ Ziemann war 25, als der Film ins Kino kam, und Prack schon 48. In ihrer Leinwand-Liebe spiegelte sich die Wirklichkeit einer Zeit, in der es an jungen Männern mangelte, von denen viele gefallen, vermisst oder noch gefangen waren. Ziemann und Prack drehten noch vier Filme miteinander, dann galt das Gespann bei den Produzenten als nicht mehr kassenträchtig genug. Aber Ziemann, die mit dem „Schwarzwaldmädel“ zum nationalen Superstar aufgestiegen war, konnte ihren Status verteidigen. „Sonja stirbt nicht, sie hat höchstens einmal einen Schnupfen“, wunderte sich der „Spiegel“ über die Robustheit ihres Ruhms.

Statt mit Rudolf Prack war die zierliche, stets unbeschwerte Jugendlichkeit ausstrahlende Ziemann nun mit Hardy Krüger (in „Alle kann ich nicht heiraten“), Curd Jürgens („Liebe ohne Illusion“), Karlheinz Böhm („Ich war ein hässliches Mädchen“) oder Ivan Desny („Mädchen ohne Grenzen“) zu sehen. „Ich weiß nicht, wann ich damals geschlafen habe“, erinnert sich Ziemann im Gespräch. „Es war eine sehr intensive Zeit, alles ging bergauf.“ Dass diese Traumfrau der fünfziger Jahre – das ist sie, auch wenn sie bei der Retrospektive der Berlinale fehlt – heute vor allem als Heimatfilm-Star gilt: ein Missverständnis. Denn unter ihren 70 Filmen sind nach ihrer Zählung gerade einmal zwei Vertreter des tümelnden Genres: „Grün ist die Heide“ und „Am Brunnen vor dem Tore“. Das „Schwarzwaldmädel“ deklariert Ziemann als „Operettenfilm“, durchaus zu Recht, folgt es doch dem gleichnamigen Stück von Leon Jessel. „Und warum“, fragt Ziemann, „sollte man nicht zur Operette stehen?“

Mit Operetten kennt sie sich aus. Heute vor 80 Jahren im brandenburgischen Eichwalde geboren, absolvierte Ziemann eine klassische Tanzausbildung und erhielt schon mit 15 Jahren einen Vertrag als Solistin im Berliner Plaza-Theater. Sie tanzte in Revuen, die „Ein Sommerabend in der Puszta“ oder „Sterne für dich“ hießen, stand bald auch vor der Kamera und besuchte, zusammen mit Hildegard Knef, die Ufa-Schauspielschule. Einen Knick bekam ihre Karriere erst in den Sechzigerjahren, als die Regisseure des Neuen Deutschen Films mit den alten Stars nichts mehr anzufangen wussten. Ziemann ging ans Züricher Schauspielhaus und schaffte in Stücken von Zuckmayer, Arthur Miller und Tennessee Williams den Sprung ins Charakterfach. Heute lebt sie in Oberbayern. Seitdem ihr dritter Mann Charles Regnier – „meine große Liebe“– vor fünf Jahren starb, hat sich Sonja Ziemann ins Privatleben zurückgezogen. „Wenn ich jetzt noch vor der Kamera oder auf der Bühne stünde, käme ich mir deplatziert vor“, sagt sie. „Es gibt doch meine alten Filme.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben