Kultur : Mäzenatendämmerung

Alberto Vilar lag die Musikwelt zu Füßen – so lange er zahlte. Jetzt ist der Sponsor klamm, und die Festivals zittern

Frederik Hanssen

Elfriede Jelinek ist richtig sauer: „Ich glaube nicht, dass wir dort gewollt werden.“ Wir, das sind neben der österreichischen Autorin die Komponistin Olga Neuwirt und der Filmregisseur Michael Haneke. Und mit „dort“ sind die Salzburger Festspiele gemeint. Eigentlich sollten Jelinek und Neuwirth für das Mozart-Jahr 2006 eine Uraufführung erarbeiten, eine Don-Giovanni-Paraphrase mit dem Titel „Der Fall W.“, inszeniert von Haneke, mit Ute Lemper in der Hauptrolle. Nun aber wackelt das Projekt: Wenn der amerikanische Multimillionär und Mäzen Alberto Vilar seine zugesagten 1,8 Millionen Euro nicht überweise, müsse er das Projekt leider kippen, erklärte Festspielchef Peter Ruzicka – und zog damit den verständlichen Zorn Neuwirths auf sich: „So bin ich noch nie verarscht worden“, zitiert die Presseagentur APA die Komponistin.

Ziemlich gelackmeiert dürfte sich auch Peter Ruzicka selber vorkommen. Schließlich hat der Unternehmer, der sein Geld mit Investitionsberatung im IT-Bereich und Aktienspekulationen gemacht hat, den Salzburger Festspielen versprochen, über Jahre hinweg Millionen zu überweisen. Zum Dank wurden über Jahre in jedes Programmheft Einlegezettel mit Vilars Konterfei eingefügt. Und zu allem Überfluss lässt Bekanntwerden der möglichen Absage auch noch Salzburgs Erzrivale Ioan Holender von der Wiener Staatsoper sofort verbreiten, es sei ihm „eine Ehre“, die Uraufführung herauszubringen, wenn die Salzburger Festspiele unfähig wären, so ein Projekt zu schultern.

Nicht nur in Salzburg hat sich der schwerreiche Opernfan beliebt gemacht. Überall, wo Glamour und Stars aufeinander treffen, konnte man Alberto Vilar mit gezückter Brieftasche antreffen: In Baden-Baden, in Bayreuth, in London wie auch in Wien, in St. Petersburg und an der New Yorker Met. Seit 1998 soll er so an die 200 Millionen Euro verschenkt haben.

Auch in Berlin ließ sich der Philanthrop blicken, schimpfte auf die undankbaren Institutionen, die sich den großzügigen Spendern gegenüber nicht dankbar genug zeigten, und kündigte an, sich auch bei der Staatsoper und den Philharmonikern engagieren zu wollen. Es blieb bei Ankündigungen – zum Glück, wie man aus heutiger Sicht sagen muss. Denn all jene Institutionen, die sich in ihrer Finanzplanung auf Vilar verlassen haben, stehen nun ganz schön im Regen. Seit dem Börsensturz der Technologiewerte treffen die Schecks des reichen Opern-Onkels aus den USA nur noch zögerlich ein. Wenn überhaupt. Im Programm der Berliner American Academy beispielsweise tauche in dieser Saison kein Alberto-Vilar-Stipendiat mehr auf.

Ausgerechnet in den USA hat die Demontage des einstigen Darlings der Kulturmanager schon konkrete Züge angenommen. In der Metropolitan Opera wurde eine Plakette mit seinem Namen abgeschraubt, die seit 1998 Vilars Verdienste jedem Besucher sichtbar gemacht hatte. Und der Tenor Placido Domingo, im Nebenjob Intendant der Opernhäuser von Washington und Los Angeles, beklagte sich öffentlich darüber, dass er aufgrund von Vilars zögerlicher Zahlungsmoral bereits aus eigener Schatulle zwei Millionen Dollar vorstrecken musste, um die Spielfähigkeit seiner Theater aufrechtzuerhalten.

Mit bittersüßem Lächeln reagieren inzwischen auch viele Intendanten in Old Europe, wenn sie auf Vilar angesprochen werden. Für die vier neuen Säle im Wiener Musikverein, die bis März 2004 entstehen (darunter der gläserne „Vilar-Saal“), seien erst ein Zehntel der seitens Vilar vertraglich vereinbarten 5,8 Millionen Euro „eingelangt“, erklärte jüngst der Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde, Thomas Angyan. Auch Opern-Chef Ioan Holender zeigt sich „nicht so optimistisch“, was die eine Million Euro anbelangt, die ihm Vilar eigentlich noch für sein Haus versprochen hat.

Allein der Baden-Badener Intendant Andreas Mölich-Zebhauser weiß davon zu berichten, dass Vilars Firma jetzt wieder „Wasser unterm Kiel“ habe. In den kommenden Monaten will er darum mit Vilar (der bislang Baden-Baden fast zwei Millionen Euro spendierte) eine neue Fördervereinbarung aushandeln. „Ich kann die Kollegen nicht verstehen, die nicht akzeptieren, dass es in der Wirtschaft mal auf und mal abwärts geht“, erklärte Mölich-Zebhauser gestern gegenüber dem Tagesspiegel. „Das waren doch alles freiwillige Spenden. Der Mann hat in seinen guten Jahren fünfzig Prozent seines Gewinns an die Opernhäuser verschenkt.“

Auch Bayreuths Patriarch Wolfgang Wagner konnte übrigens zur allgemeinen Überraschung verkünden, dass er einen Scheck von Vilar erhalten habe. Zur Eröffnung des Wagner-Festivals auf dem Grünen Hügel ließ sich Vilar allerdings nicht blicken. Und auch die Nachfrage in Salzburg ergab: „So weit wir wissen, wird Herr Vilar die Festspiele heuer nicht besuchen.“ Ob sich der Mäzen nun wirtschaftlich berappeln wird oder nicht – eines wird an dem Fall Alberto Vilar überdeutlich: Dass personalintensive Kulturinstitutionen wie Theater und Opernhäuser auch künftig nicht ohne staatliche Hilfe überleben können. So wichtig privates Engagement auch ist – aufgrund unvorhersehbarer Schwankungen in den Brieftaschen der Spender wird es eine Basisfinanzierung durch das Gemeinwesen nie ersetzen können.

In Salzburg übrigens hat bereits ein anderer amerikanischer Mäzen den Ehrenplatz Vilars eingenommen: Donald Kahn. Nicht nur, weil er Prince Charles zur diesjährigen Festspieleröffnung lockte (dessen Besuch dadurch an Brisanz gewann, dass der englische Thronfolger überraschend seine Camilla mitbrachte), ist der 1925 geborene Spross einer US-Verlegerdynastie zum neuen Prinzen der Philanthrophie aufgestiegen. Für die Restaurierung des Domes hat er gespendet, für den Umbau des Kleinen Festspielhauses 4,36 Millionen Euro zugesichert (Vilar will übrigens offiziell noch mit derselben Summe dabei sein) und auch die Instandsetzung der historishen Großen Universitätsaula zum Mozartjahr unterstützt der Mäzen mit 1,16 Millionen Euro. Die VIP-Lounge, die im Großen Festspielhaus in der Pause den edelsten unter den Spendern vorbehalten ist, heißt übrigens „Donald Kahn Room“.

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