"Mahagonny" an der Staatsoper : Warte nur ein Weillchen

Sand ist ein schlechter Baugrund: Die Berliner Staatsoper wagt sich an „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Brecht und Weill.

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Es ist leicht, dieses Stück schlicht für unspielbar zu halten. Sich hinter Otto Klemperers Urteil einzureihen, der „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ 1929 nicht für die Kroll-Oper zur Uraufführung annehmen wollte: Er ahnte die Wichtigkeit, sah die musikalische Schönheit – und gestand unter Tränen, dass ihm das Ganze fremd und unverständlich sei. So erinnert sich Kurt Weill an die folgenschwere Absage, die dazu führte, dass die Berliner Oper „Mahagonny“ in Leipzig uraufgeführt wurde – und dort als „übelste kommunistische Propaganda“ gebrandmarkt Polizeischutz bitter nötig hatte. Der bibelfeste Brecht trug die Idee schon bei sich, mit „Mahagonny“ eine Paradiesstadt zu entwerfen, als er Weill begegnete. Sie wurde zum Bindeglied zwischen dem dichtenden Opernzerstörer und dem komponierenden Opernreformer. Keine zweite „Dreigroschenoper“, sondern ein heikler Grenzgang, an dem sich in der jüngeren Aufführungsgeschichte noch jeder verhoben hat.

Ist es also kühner Mut, der die Staatsoper dazu beflügelt, „Mahagonny“ zu zeigen? Verbunden gar mit der Erkenntnis, Parallelen zwischen der Stadtgründung im Wüstensand und den aktuellen Umbauten auf märkischem Grund entdeckt zu haben? Oder nur die als Premiere getarnte Selbstbestätigung des Staatsopernwesens, das einfach alles auf die Bretter wuchtet, weil man es kann? Klaus Wowereit war jedenfalls da, um sich Anregungen für den Betrieb einer Goldstadt zu holen, in der sich jeder ruiniert, dabei aber gut unterhalten wird.

Wer aber eine raue Männergesellschaft um ihr sauer verdientes Geld bringen will, muss ausschweifende Fantasie haben. Regisseur Vincent Boussard, der an der Staatsoper zuletzt Bernsteins „Candide“ inszenierte, kann sich partout nicht entscheiden, entweder leicht geliftetes Lehrstücktheater von damals zu inszenieren oder aber lustvoll zu erkunden, inwiefern „Mahagonny“ heute Zeitstück sein könnte. Alles wirkt höchstens halbherzig, ohne dass die klaffenden Fehlstellen mit Hirn gefüllt wären. Allein wie die drei Stadtgründer Witwe Begbick, Prokurist Fatty und Dreieinigkeitsmoses mit ihrem Einkaufswagen auf die Bühne eiern, liegt fern jeder szenisch-musikalischen Vorstellungsmacht. Und da das Nichts, in das hinein sie ihre Goldstadt erfinden, auch akustisch ein toter Ort ist, geht den Darstellern alle stimmliche Präsenz verloren. Die bräuchten sie dringend, um irgendwie druckverlustfrei zwischen Sprache und Gesang wechseln zu können. Das nötige Wissen über Bühnenbilder mit Resonanzvermögen ist heute an jeder Kunsthochschule vorhanden.

Dass, wer sich ganz dem Lustprinzip verschreibt, hauptsächlich im Kampf mit der Unlust verstrickt liegt, beweist das heroische Wirken von Frank Castorf. Das, was Boussard als Frustpotenzial in „Mahagonny“ ausmacht, erscheint nur als saftlose Fadheit. Zu Tänzern, die hauptsächlich am Boden lungern, gesellen sich abgefingerte Videoschnipsel im Vollmond. Michael König ist ein Bär von einem Mann und schenkt seinem Holzfäller Jim auch einige zarte Töne, damit ist er unbestritten der Held des Abends. Gabriele Schnaut als Witwe Begbick fehlt die goldgierige Attacke, Tobias Schnabel als Gelegenheitstotschläger Dreieinigkeitsmoses der nötige Punch. Und im Orchestergraben? Wayne Marshall versucht Episches in Weills balladesker Einfachheit zu entdecken, zieht die Dynamik zugunsten der Sänger weit ein, geht zu wenig deklamatorisch angespitzt in die Songs, nötigt dem Chor keine rechte Präzision ab.

„Alle wahrhaft Suchenden werden enttäuscht“, so ein Zwischentitel. Hier wird’s Ereignis. Vielleicht ist Berlin, das Eldorado im Sand, immer noch nicht reif für „Mahagonny“. Warte, warte nur ein Weillchen, dann zeigt dir Barrie Kosky, dass Revue und Bewusstsein sich nicht ausschließen müssen.

wieder 8., 12., 15., 20. und 25. Juni

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