Kultur : Mahnmal-Debatte à la USA

ROBERT RIMSCHA[WASHINGTON]

In Washington wird über den Monumentalbau zum Gedenken an den Zweiten Weltkrieg gestritten VON ROBERT VON RIMSCHA,WASHINGTONWas dem Berliner sein Streit um das Holocaust-Denkmal ist, findet seine Entsprechung in den USA: Dort geht es um den Zweiten Weltkrieg.Daß dieser ein für Amerika definierender Moment war, daß er eine Ära der Dominanz in Asien wie in Europa einläutete, daß er mehr Opfer kostete als beispielsweise der Korea- oder der Vietnamkrieg, die beide ein Mahnmal erhalten haben, dies alles ist unstrittig.Auch der im Januar bekanntgegebene Siegerentwurf für das Mahnmal findet, anders als beim Berliner Holocaust-Denkmal, breite Zustimmung.Erbittert gestritten wird um die Plazierung.Zwischen den Übervätern Washington und Lincoln - ist das richtig? Eine "Verletzung der Integrität amerikanischer Geschichte" konstatiert der Historiker Joseph Ellis.Er fordert, "eine klare Sicht über den heiligsten Ort unserer Nation zu bewahren".Und in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "Architecture" schreibt die Chefredakteurin, Deborah Dietsch, das Kriegsmahnmal "entehrt den inspirierenden Blick über die Mall und die Ideale, die sie repräsentiert".Die Mall erinnere an Amerikas Stärke, nicht an seine Kriege.Der Kriegsveteran und Senator Bob Kerrey arbeitet mit Computersimulationen gegen den Entwurf."Hier geht es um eine dauerhafte neue Frisur.Einmal abgeschnitten, wächst da nichts nach", so der Politiker aus Nebraska. Nur Washington verbindet mit dem Begriff "Mall" kein Einkaufszentrum, sondern ein offenes Stück Land, vor allem Wiese, das so genutzt wird wie Tiergarten und Reichstags-Vorgarten früher: Picknick, Joggen, Spazierengehen, Ballspiele, Grillen.Das Mitbringen alkoholischer Getränke wurde kürzlich verboten, weil sich nach nationalen Jubeltagen zu viele Bierleichen und Dosenberge fanden.Der unverbaute Raum der Mall erinnert noch ein wenig an die frühen Tage der amerikanischen Republik, als der Kongreß zuweilen seine Sitzungen unterbrechen mußte, weil die Truthahnjäger in den umliegenden Sümpfen zu viel und zu laut schossen. George Washington sagte einmal, es werde rund ein Jahrhundert dauern, bis das Herz der nach ihm benannten Stadt eine Stadt werde.Gut zweihundert Jahre nach Washington ist die Mall auf der Kopfseite begrenzt durch das Kapitol, den Sitz des Kongresses, des Parlaments.Die Begrenzung auf der anderen Stirnseite bildet das Lincoln Memorial.Auf halber Strecke dazwischen ragt als gleich triumphaler wie schlichter Obelisk das Washington Monument in den Himmel.Zurückversetzt auf der Mitte der Breitseite liegen das Weiße Haus, der Amtssitz des Präsidenten, und gegenüber, hinter einem See, das Jefferson Memorial.Zwischen Washington Monument und Kongreß füllen die Museen der Smithsonian Institution die Mall; zwischen Washington Monument und Lincoln Memorial liegen etwas abseits rund um den zentralen Spiegelsee, den "Reflecting Pool", die Denkmäler für den Vietnam- und den Koreakrieg. Zwischen Washington Monument und "Reflecting Pool" soll das Weltkriegs-Denkmal eingelassen werden.Es besteht aus einer versenkten Plaza, die von zwei Halbkreiskolonnaden umgeben ist.Jede besteht aus 25 Säulen für die insgesamt 50 Bundesstaaten der USA.Hinter den Kolonnaden erhebt sich eine 17-Meter-Mauer, dahinter ist mit einem Meer weißer Rosen wieder die Normalhöhe der Mall erreicht.Das Ganze erinnert ein wenig an Berninis Vorplatz des Petersdomes in Rom.Und es wäre, was Planung und Platzangebot angeht, die letzte große Ergänzung der Mall. Darum geht der Streit.Gegenwärtig beherrscht der Dialog zwischen Washington und Lincoln die Mall.Derjenige Präsident, der die USA schuf, und jener, der die Union rettete, markieren den Kern eines Ortes, der gleich emphatisch wie banal wirken kann und eben deshalb überzeugend ist. Abraham Lincoln allerdings verehrte Thomas Jefferson, und weit mehr als George Washington.Die Gleichheit aller, das war die Losung des Sklavenhalters Jefferson.Durch die Querachse von Jefferson zum Weißen Haus, an Washington vorbei, werden der philosophische Anspruch wie die schwierige Realität Amerikas versinnbildlicht.Mithin sind vier Präsidenten vereint: Jener, der Amerika dachte, jener, der es machte, derjenige, er es rettete, und der, der es heute zu bewahren hat. Und mitten hinein in dieses Konzept ein Kriegsdenkmal? Da es in den Boden eingelassen werden soll, würde es die Sicht entlang der Hauptachsen nicht versperren.Wer sich dem Ensemble jedoch seitlich nähert, sieht statt des Lincoln Memorial plötzlich die Rückwand des Weltkriegs-Denkmals.Der Historiker Joseph Ellis wertet: "Die Ansprüche des 20.Jahrhunderts würden brachial über die höheren Ansprüche des 18.und 19.Jahrhunderts hereinbrechen.Der Zweite Weltkrieg würde zwischen Unabhängigkeitskrieg und Bürgerkrieg plaziert, damit unterbräche er den Dialog zwischen diesen beiden ultimativen Symbolen unserer nationalen Einheit." Der Streit beginnt erst, aber er ist längst heftig.Die Befürworter haben den Weltkriegsveteranen Bob Dole angeheuert.Der kriegsversehrte Republikaner führt die Kampagne für Denkmal und Finanzierung.Einhundert Millionen Dollar werden benötigt; eine Stiftung will sie zusammentrommeln.Die "Amerikanische Kommission für Schlachten-Monumente" bezeichnet den Standort als "den hervorragendsten im ganzen Land".Dole sieht das genauso und wirbt um Geld für den Entwurf. Der Kongreß hatte die Pläne für ein Mahnmal in den Grundzügen 1993 gebilligt.Der National Park Service schlug sieben Standorte vor, der jetzt ausgewählte war nicht darunter.Das Auswahlkomitee bearbeitete den Park Service, bis die Mall als achter Standort auf die Liste gesetzt wurde, und sprach sich dann für diesen Platz aus.Im letzten Stadium des Wettbewerbs sprachen sich zwei Juries einstimmig für den Sieger aus.Zwei Kommissionen müssen den aus 400 Vorschlägen ausgesuchten Entwurf des in Österreich geborenen Architekten Friedrich Florian, der an der Rhode Island School of Design lehrt, noch gutheißen.Das hat Präsident Clinton bereits getan.Hier werde "das erste nationale Denkmal für alle, die im Zweiten Weltkrieg gedient haben" entstehen, sagte Clinton bei der Vorstellung des Siegerentwurfes im Januar. Gegner überschreiben ihre Kommentare in Amerikas Zeitungen mit "Der falsche Ort".In spöttischen Karikaturen wird eine vollgebaute Mall gezeigt, auf der sich dann auch ein "Wahlkampffinanzierungs-Reform-Memorial" findet.Und ein "Memorial für alle Memorials".

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