Maison de France : Auch Meeresforscher kommen gern

Das Maison de France am Kurfürstendamm wird 60. Und feiert mit Erinnerungen an bewegte Zeiten.

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Carine Delplanque, die Leiterin des Instituts français, vor einem Plakat ihres Hauses.
Carine Delplanque, die Leiterin des Instituts français, vor einem Plakat ihres Hauses.Foto: Jacques Porell

Ausgerechnet jetzt versteckt sich das Haus hinter Baugerüsten. Dabei sollte es ein prominenter Auftritt werden. Zu weit abgeschlagen erschien der französischen Militärregierung die eigene Besatzungszone im Norden der Stadt. Und so eröffnete das französische Kulturzentrum am Kurfürstendamm, in bester Lage. In der englischen Besatzungszone. 60 Jahre ist das her, und die Leiterin Carine Delplanque lässt sich von den Bauarbeiten nicht abhalten, aus diesem Anlass einen roten Teppich auszurollen. Über ihn werden viele schreiten, die Feierlichkeiten am heutigen Dienstag sind ausverkauft. Gleichzeitig startet ein Festprogramm mit Tagungen und Ausstellungen.

Vorsichtig mussten die deutsch-französischen Beziehungen nach dem Krieg wieder aufgebaut werden. Die französische Sprache, Literatur, Musik sollten dabei helfen. In den Vitrinen der Ausstellung zur Geschichte des Hauses liegen alte Programmhefte, Zeitungsausschnitte – und das schönste: Briefwechsel französischer Künstler und Wissenschaftler mit den Direktoren des Instituts. Meist geht es um Organisatorisches, aber allein die Namen der Unterzeichnenden lassen 60 Jahre französische Kulturpolitik Revue passieren: Der Soziologe Pierre Bourdieu schrieb, der Chansonniers Léo Ferré, die feministische Philosophin Elisabeth Badinter. Auf einem opulent gestalteten Briefkopf steht „Institut Océanographique“. Der Absender ist Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau. Durch das Archiv hat sich der französische Schriftsteller Oliver Rohe gewühlt. Während sich die beiden Künstler Nicolas Dartiailh und Elise Graton mit der Berliner Geschichte auseinandergesetzt und eine schöne Hörspiel-Fotoserie zu den Trümmerbergen der Stadt produziert haben, die zwischen den historischen Exponaten verteilt hängt.

1984 eröffnet das französische Kulturzentrum in Ost-Berlin, nachdem man sich einig geworden war, dass es im Gegenzug auch eines der DDR in Paris geben werde. Die Einrichtung Unter den Linden war das einzige westliche Kulturzentrum in der DDR, es gab eine Galerie und eine Bibliothek. 1989 waren zu den Sprachkursen 2000 Schüler angemeldet. Nach dem Fall der Mauer ging das Kulturzentrum im Haus am Kurfürstendamm auf.

Noch heute nennen es die Berliner „Maison de France“, obwohl es längst offiziell „Institut français“ heißt. „Wenn die Berliner das so wollen,“ sagt Leiterin Delplanque, „dann nennen wir es auch weiter so.“ Mit „Maison“ ist auch das Cinéma Paris gemeint, das sich im Erdgeschoss befindet. Ursprünglich war das denkmalgeschützte Gebäude als „Haus Scharlachberg“ bekannt, benannt nach der prominenten Reklame an der Fassade. Im Krieg wurde es teilweise zerstört, so dass es die französische Militärregierung in Fünfziger-Jahre-Stil umbauen ließ, mit gerundeten Ecken und geschwungenen Formen.

Schwere Schäden sollte es noch einmal geben. Am 25. August 1983 detoniert im vierten Stock eine Bombe. Die Geheimarmee zur Befreiung Armeniens bekennt sich zu dem Anschlag. Johannes Weinrich ist der Attentäter, er galt als rechte Hand des zu der Zeit meistgesuchten Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, kurz Carlos, über den demnächst ein Spielfilm in die Kinos kommt. Zufällig befindet sich eine kleine Gruppe Demonstranten im Gebäude, die beim französischen Generalkonsulat eine Petition gegen Atomtests in Polynesien einreichen wollen. Unter ihnen ist auch der 26-jährige Berliner Profiradrennfahrer Michael Haritz. Haritz stirbt bei dem Anschlag, 23 Menschen werden verletzt. Zwei Jahre dauert der Wiederaufbau. François Mitterrand und Helmut Kohl eröffnen die neuen Räume.

Seit Europa immer mehr zusammenwächst, stellt sich nicht nur für das vom französischen Außenministerium finanzierte Institut français die Frage, in welchem Umfang wir überhaupt noch Zentren brauchen, die als Türen zur Kultur der Nachbarn fungieren. „Die Aufgabe des Institut français ist immer gewesen, das zeitgenössische Frankreich zu vermitteln“, sagt Carine Delplanque, die mit einem schmalen Budget auskommen muss. Vor zwei Jahren ist die Germanistin nach Berlin gekommen, zuvor leitete sie das Kulturinstitut in Innsbruck. Delplanque ist die erste Frau in Berlin. Ihr Publikum ist so unterschiedlich, wie die Kultursparten, die ihr Haus abbilden muss. Daneben sind Sprachkurse ein wesentlicher Bestandteil des Angebots. 300 Kurse werden im Jahr angeboten. Jeden Tag kommen 150 Besucher in die Mediathek, leihen sich Bücher aus, lesen aktuelle Zeitschriften und Zeitungen.

Das Jubiläum hat Carine Delplanque unter das Motto „60 sexy Jahre“ gestellt. Weil es schöner, sexyer, sei, in dieser Stadt sechzig Jahre alt zu werden als in einem Haus an der französischen Küste. Findet sie, eine Französin. Das will was heißen. Und mag so manchen Frankophilen, der sich am Ku’damm aus der Stadt wegträumt, ruhig stimmen.

Jubiläumsprogramm bis 23. Oktober, Infos unter www.institut-francais.fr

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