Kultur : Malen nach Metern

Kunst to go: In Prag konkurrieren zwei Biennalen miteinander

Ulrich Clewing

In die Thamora-Straße im achten Prager Bezirk verirren sich selten Touristen. Die Altstadt, die Brücken, die Burg – das lässt sich hier nicht einmal erahnen. Hier nagt der Mangel ungehindert an den Fassaden, ist Prag Industriestadt, zergliedert in der typischen Mischung aus alten Fabriken, maroden Bürogebäuden und heruntergekommenen Mietshäusern. In dieser Umgebung hat die zweite Prag Biennale ihr Quartier aufgeschlagen. Wie schon bei ihrer Premiere vor zwei Jahren, wird sie wieder von den beiden Kuratoren Giancarlo Politi und Helena Kontova organisiert. Sie haben „Prag Biennale 2“ diesmal ganz ins Zeichen der Malerei gestellt. „Expanded Painting“ versammelt Arbeiten über 100 internationalen Künstlern – nicht nur von Malern, sondern auch von Bildhauern, Videofilmern, Installationskünstlern und Fotografen, deren Werke mit der Malerei, deren Werke in den Dialog treten“ sollen.

Das klingt nicht nur beliebig, das ist es auch. Sicher, junge angesagte Künstler wie Zbigniew Rogalski, Ugo Rondinone und Wilhelm Sasnal verleihen derzeit jeder Ausstellung Glanz, speziell wenn sie mit Größen wie Damien Hirst oder Maurizio Cattelan kombiniert werden. Doch fehlt dem Ganzen die innere Notwendigkeit, der Zusammenhalt, zumal wenn die Werke wie hier provisorisch auf einfache Stellwände verteilt sind.

Außer „Expanded Painting“ hat die Prag Biennale eine Reihe von Unterabteilungen. In einer davon wird an die kinetische Kunst und Op-Art der Sechziger und Siebziger erinnert – ein Unterfangen, das bei lediglich 20 Künstlern zwangsläufig unvollständig bleiben muss. Was man bedauern kann, zumal die Auswahl trotz Beteiligung von Protagonisten wie Josef Albers, Gerhard von Graevenitz, François Morellet, Bridget Riley und Ryszard Winiarski zu Italien-lastig ausgefallen ist. Andere Kapitel sind der chinesischen Malerei sowie der Kunst Süd- und Mittelamerikas gewidmet, die tschechische, slowakische und polnische Szene wird kurz gestreift ebenso das Phänomen der britischen Raw Art. Selbst die gegenwärtig so erfolgreichen deutschen Maler aus Dresden und Leipzig fehlen nicht.

Giancarlo Politi ist im Hauptberuf Herausgeber der italienischen Kunstzeitschrift Flash Art, Helena Kontova seine Chefredakteurin. Und so wirkt die gesamte Unternehmung streckenweise wie ein materialisiertes Flash Art-Inhaltsverzeichnis. Zu einem Politikum wird ihre Schau durch die Tatsache, dass es zeitgleich eine zweite Prag Biennale gibt, die den Anspruch hat, die schönere, größere, wahrhaftigere zu sein. Um Verwechslungen zu vermeiden, nennt sie sich „International Biennale of Contemporary Art 2005“ und wird veranstaltet unter der Ägide des in Prag allgegenwärtigen Malers, Bildhauers und Generaldirektors der National Galerie, Milan Knizak, der sich mit seinen ehemaligen Kooperationspartnern der ersten Prag-Biennale, Politi und Kontova, heftig zerstritten hat.

Knizak – früher zu den Dissidenten gehörend, inzwischen hauptsächlich mit Besitzstandswahrung beschäftigt – zeigt ohne Scheu auf „seiner“ Biennale eigene, mittlerweile künstlerisch arg ermattete Werke. Abgesehen davon tritt er seit vielen Jahren so vehement für die Bedeutung der inoffiziellen Kunst des ehemaligen Ostblocks, insbesondere Tschechiens ein, dass es die Grenzen zum nationalistischen Getöse beinahe übertritt.

Auch diese zweite Mammutschau findet in eher unglamouröser Prager Randlage statt. Trotzdem ist der klassisch-moderne, zwischen 1925 und 1928 von Josef Fuchs und Oldrich Tyl erbaute Messe-Palast einen eigenen Ausflug wert. Auch dort erwartet den Besucher eine Vielzahl von Sektionen und Sonderausstellungen, unter anderen in Dependancen in der Altstadt, im St. Agnes-Kloster und im Kinsky-Palast. Zwar hat Milan Knizak für die einzelnen Kapitel möglichst viele Co-Kuratoren ins Boot ge- holt, so zum Beispiel Adam Budak aus Graz, den Briten David Dernie für die Performance-Abteilung oder den Berliner Ex-Galeristen und Sammler Michael J. Wewerka für die sehenswerte Schau „Art and Society“, doch das Schwergewicht liegt bei aktueller Kunst aus Mittel- und Osteuropa. Der schiere, kaum zu bewältigende Umfang des Unternehmens mit rund 400 Teilnehmern verrät Beliebigkeit. Weniger wäre mehr gewesen; die dicht an dicht platzierten Arbeiten hätten eine Raffung vertragen.

Für die dritte Prag-Biennale, sofern es in zwei Jahren noch eine gibt, sollte man die Kräfte wieder bündeln. Dann könnte Prag tatsächlich daran anknüpfen, was es in den Zwanzigern einmal war: ein Zentrum der europäischen Gegenwartskunst.

Prag Biennale 2, Karlin Hall, Thamova 14, bis 15.9. International Biennale of Contemporary Art 2005, Veletrzni Palac, Dukelskych hrdinu 47, bis 11.9.

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