Malerei aus dem Biedermeier : Georg Ferdinand Waldmüller: Der Kitsch-Rebell

Meister vieler Gattungen: Wien rehabilitiert den Biedermeier-Maler Georg Ferdinand Waldmüller.

Nicola Kuhn

Eigentlich sieht die ältere Dame ganz harmlos aus. Wie sie so dasitzt mit ihrem Spitzenhäubchen, das mit einer großen Seidenschleife unter ihrem ansehnlichen Doppelkinn geschnürt ist. Löckchen kringeln sich darunter hervor. Ihr braun gestreiftes Satinkleid, das eher einem Morgenmantel gleicht, betont die gedrungene Gestalt. In ihrer stillen Zufriedenheit scheint Maria Henrietta von Stierle-Holzmeister geradezu der Inbegriff des Biedermeier zu sein. Und doch ist das 1817 entstandene Porträt aus dem Besitz der Berliner Alten Nationalgalerie eine Kampfansage an die beschönigende Malerei jener Zeit, die so gern in häuslicher Behaglichkeit schwelgt.

Das Bild löste eine Kehrtwende im Werk des Wiener Biedermeier-Malers Georg-Ferdinand Waldmüller (1793 bis 1865) aus. Denn der Auftraggeber und Sohn der Porträtierten, Hauptmann Joseph G. von Stierle-Holzmeister, hatte explizit verlangt: „Malen Sie sie genau, so wie sie ist.“ Diese Herausforderung öffnete dem Maler die Augen. „Der einzig rechte Weg, der ewige, unerschöpfliche Born aller Kunst: Anschauung, Auffassung und Verständniß der Natur hatte sich mir aufgetan“, erklärte er noch Jahre später. Heutige Betrachter dürften noch immer keinen harten Realismus im Bildnis der Hauptmanns-Mutter sehen, die höchstens etwas plump erscheint, die Äuglein ein wenig glasig und auf der Nase eine unvorteilhafte Warze, aber doch nicht entlarvend dargestellt ist.

Trotzdem machte sich Waldmüller mit dieser Malerei bei seinen österreichischen Kollegen unbeliebt. Als er in späteren Jahren auch noch mit der Lichtführung experimentierte, die in Italien entdeckten Effekte der gleißenden Sonne auf seine heimischen Motive, Szenerien der Wiener Vorstadt übertrug, wurde er gar „Tollhäusler“ genannt. Dabei befand sich der Künstler mit seiner Freiluftmalerei auf der Höhe mit Europas Avantgarde, den Präraffaeliten in Großbritannien, Millet und Courbet in Frankreich. Damals hatte das in seiner Umgebung nur niemand gesehen.

Das soll sich nun ändern. Das Wiener Belvedere arbeitet hart daran, das Image ihres bedeutendsten Künstlers aus dem 19. Jahrhundert zu revidieren: weg vom Biedermeier-Kitsch-Produzenten, hin zum unbequemen Wegbereiter einer experimentellen Malerei. In Österreich mag dies schwer fallen, denn die lieblichen „Veilchenpflücker“ oder „Mutterglück“ von Waldmüller kennt dort jedes Kind aus dem häuslichen Kalender. Die Bilder haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt wie in Deutschland Spitzwegs „Sonntagsspaziergang“ oder „Armer Poet“ für die Biedermeierzeit. Mit 120 Werken soll in einer großen Retrospektive nun der ganze Waldmüller gewürdigt werden, nicht allein der Maler süßlicher Motive, bei denen niedlichen Mägdelein der Jungfernkranz geflochten wird oder fromme Wallfahrer auf einer felsigen Anhöhe erschöpft pausieren. Zum Beweis wurden Leihgaben aus dem Pariser Louvre, den Dresdner Sammlungen, dem Kölner Museum Ludwig und den Staatlichen Museen zu Berlin akquiriert, als Ergänzung zu den reichen heimischen Beständen.

Und plötzlich öffnet sich das Oeuvre zu neuen Seiten hin: Waldmüller erweist sich als Meister aller Gattungen, ob Landschaft, Porträt, Stillleben oder Genremalerei, bis ins hohe Alter immer bereit, Neues auszuprobieren. Gleichzeitig legte sich der Unbequeme mit den Honoratioren der Österreichisch-Kaiserlichen Akademie an, deren Auflösung er auf dem Höhepunkt seines Streits empfiehlt, da die dortige Lehre nutzlos sei. Prompt wird er suspendiert und mit halben Bezügen in Rente geschickt. Auch seine Ehe mit der damals europaweit berühmten Mezzosopranistin Katharina Weidner erweist sich als turbulent: Heirat, Trennung, Aussöhnung, endgültiges Aus. Am Ende, nach dem Tod von Gattin Nummer eins, gibt es doch noch ein Happy End mit der 33 Jahre jüngeren, bildhübschen Kleidermacherstochter Anna Bayer, der er nach der Hochzeit ein Modistengeschäft in der Wiener Weihburggasse einrichtet. Zu guter Letzt wurde er sogar doch noch von Kaiser Franz Joseph I. rehabilitiert. 1864, ein Jahr vor seinem Tod mit 72 Jahren, erhält er die volle Pension wieder zurück.

Und dennoch ist Waldmüller nicht ganz der Rebell, als den ihn das Untere Belvedere, das auch das Archiv des Künstlers bewahrt, darstellen will. So war er als Porträtist der feinen Gesellschaft hoch gefragt. Die provozierende Lässigkeit einer höheren Tochter, die sich in ihrem weißen Atlaskleid auf dem Empirestuhl mit rotem Samtbezug für damalige Begriffe fast schon fläzt, ist immer noch kein Tabubruch. Die hingegossene Schönheit mit dem feinen Lächeln auf dem spitzen Mündchen bewahrt trotzdem Contenance. Auch der junge Herr mit dem zwecks Bequemlichkeit geöffneten Hausmantel, der gemütlich eine Zigarre raucht, ist sich seiner Pose sehr wohl bewusst. Waldmüller zeigt hier eine Meisterschaft in der Behandlung der Stoffe: Der reich bestickte Morgenmantel, die seidigen Rockaufschläge sind in feinsten Schattierungen wiedergegeben.

Mit der gleichen Hingabe widmete sich der Maler, den die Mutter nach dem Tod des Vaters lieber als Priester gesehen hätte, der Darstellung des Bauernstandes oder der ärmlichen Städter. Immer wieder klingen religiöse Motive an. Berühmt wurde sein „Fronleichnamsmorgen“ (1857), bei dem sich Mädchen und Burschen für den Prozessionszug mit Blütenkränzen schmücken. Nicht alle können mit, da den Ärmsten die Festtagskleidung fehlt. Die Fokussierung des Geschehens auf Kinder und Alte, verbunden mit einer kritischen Note, ist typisch für Waldmüller.

Dennoch ist der Künstler weit davon entfernt, Sozialstudien zu betreiben, auch wenn das Untere Belvedere den Künstler gerne in dieser Rolle sähe. Szenen wie „Bautagelöhner erhalten ihr Frühstück“ (1859/60), in denen ein zerlumpter kleiner Ziegelträger von einem auf dem Boden hockenden Mädchen einen Kanten Brot zugesteckt bekommt, dienten weniger der Aufklärung, sie appellierten vielmehr an die Rührseligkeit des Publikums. Mag das Dresdner Gemälde „Die Delogierten“ (1859) auch einen Moment äußerster Härte demonstrieren – eine verarmte Familie, bestehend aus fünf Kindern, Mutter und Großmutter, wird vom unbarmherzigen Vermieter auf die Straße gesetzt –, so handelt es sich doch immer noch um ein dekoratives Motiv für den bürgerlichen Salon.

Waldmüller beschert auch Augenblicke des kleinen Glücks, etwa wenn ein junger Bursche seine Angebetete am Wegesrand mit einer Rose abpasst. Das junge Mädchen kehrt gerade tief in sich gekehrt vom Kirchgang zurück: Hinter ihm öffnet sich eine sonnige Landschaft, vor ihm geht es in den kühlen Wald. Der Betrachter nimmt allerdings zuerst den steinigen Pfad wahr, den es hinunterkommt. Ganz unerwartet wird Waldmüller, der auch hier am Rande des Kitsches laviert, zum Avantgardisten, der den fotografischen Blick vorwegnimmt, indem er das eigentliche Geschehen aus dem Zentrum rückt und die Aufmerksamkeit auf den holprigen Weg lenkt. Waldmüller sollte nicht mehr erleben, dass er für solchen Wagemut von den späteren Gründern der Wiener Secession den Ehrentitel „Ursecessionist“ erhielt. 150 Jahre darauf hat er ihn sich erneut zurückerkämpft.

Unteres Belvedere, Wien, bis 11. 10.; Katalog (Brandstätter Verlag) 38 €.

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