''Mammoth'' : Ein Message-Film als Kreuzzug für die Kinder

Der Berlinale-Wettbewerb wird zur Bühne für einen Prediger: In „Mammoth“ geißelt Lukas Moodysson die Zerstörung von Familienwerten.

Jan Schulz-Ojala
Mammoth
Mehr Zeit für Kinder. Jacky (Sophie Nyweide) mit ihrer philippinischen Nanny. -Foto: Berlinale

Lukas Moodysson hat den Kinderblick. In seinem Debüt „Raus aus Amal“ (1997) findet eine 14-Jährige, die nach dem Umzug ihrer Stockholmer Familie aufs Land schnurstracks zur Außenseiterin wird, in ein lesbisches Coming-Out. In „Zusammen“ (2000) finden es die Kinder einer Späthippie-Kommune eher merkwürdig, dass ihre Muttis am liebsten unten ohne durch die Küche laufen. In „Lilja 4-ever“ (2002) landet eine estnische Halbwüchsige aus verkrachten Familienverhältnissen auf dem Straßenstrich und wird brutalstmöglich nach Schweden verkauft. Und in „A Hole in My Heart“ (2004) verkriecht sich ein pubertierender Junge hilflos in seinem Zimmer, weil seine dauerbedröhnte Restfamilie nebenan unablässig Pornos dreht.

Die Familienwelt, man weiß es, ist aus den Fugen, und im sozialen Betroffenheitskino ist sie dies ganz besonders. Lukas Moodysson hat sein filmisches Lieblingsmilieu erst zärtlich, dann rau, dann belustigt und – zuletzt in „Container“ (2006) – nur noch sarkastisch betrachtet, wobei er seine Erwachsenen von den Dummen über die Egoistischen konsequent zu den Gemeinen fortentwickelte. Da mochte es in der Kreativ-Vita des mittlerweile 40-jährigen Schweden, der sich im Zweifel für das Radikale entscheidet, Zeit für ein großes Läuterungssignal gewesen sein. Nach der Besichtigung seines ersten weltumspannenden Mainstream- Werks darf man behaupten: Auch im beliebten Genre des Message Films geht Moodysson aufs Ganze.

NewYork, Thailand und die Philippinen: Wie im mexikanischen Global poem „Babel“, nur dramaturgisch viel enger, sind in „Mammoth“ drei Schauplätze ineinander verwoben. In New York lebt Leo (Gael García Bernal), Betreiber einer boomenden Games- Website, mit der Chirurgin Ellen (Michelle Williams) und beider achtjährigem Töchterchen Jackie (Sophie Nyweide) in formal splendidem Neureichtum zusammen: Nur Zeit haben die Eltern nicht für ihr Kind. Weshalb Jackie sich immer intensiver an ihre philippinische Nanny Gloria (Marife Necesito) bindet, die in der Heimat zwei Söhne bei ihrer eigenen, resoluten Mutter zurückgelassen hat. Nach Thailand wiederum reist Leo, um einen Vertrag zu unterzeichnen; doch die Verhandlungen überlässt er lieber seinem Geschäftsführer und setzt sich, ewigen Aussteigerwünschen folgend, in eine Strandhütte ab, wo er alsbald das Barmädchen Cookie (Run Srinikornchot) kennenlernt.

Man ahnt es früh: Was ein bemerkenswerter Film hätte werden können – etwa über das aller notwendiger Selbstverwirklichung trotzende schlechte Gewissen westlicher Doppelverdiener, die langsam die Nähe zu ihren Kindern verlieren; oder über die Zerstörung der Familienstrukturen in den ärmeren Ländern, weil die Eltern zwecks Arbeit sonstwohin über den Erdball versprengt sind –, gerät zur Global-Soap. Zielstrebig auch demontiert der Film das anfänglich geweckte Interesse an seinem fein unerwachsen besetzten New Yorker Elternpaar. Und marschiert lieber mit Elefanten-, um nicht zu sagen: Mammutfüßen seiner archaischen Botschaft entgegen. Family values forever. Und vor allem: um jeden Preis.

In „Mammoth“ muss vor allem Gott die Chose richten. Schon in einer frühen Szene zwischen Jackie und Nanny wird eine erste christlich-kreationistische Fährte gelegt. Der Urknall als physikalisches Ereignis ist Mumpitz; wenn überhaupt, dann hat Gott persönlich für ihn gesorgt. Glorias älterer Sohn heißt nicht ohne Grund Salvador: Wie der Erlöser Jesus Christus wird der halbnackte Junge, der auf der Suche nach Arbeit in den Fängen eines touristischen Kinderschänders fast umgekommen ist, aus dem Schlamm getragen. Oder: In der Umkleide der Klinik, in der Ellen ausgiebig den Tod eines denn doch nicht zu rettenden Kindes beweint, hängt eine Postkarte der Christusstatue in Rio. Und sogar in Thailand wird, solange Leo Cookies Verführungskünsten tapfer widersteht, in Tempeln wenigstens gemeinsam gebetet.

Hallelujah! Keine Tearjerker-Chance, die in allen von Krankenhausserien verseuchten Weltgegenden verlässlich Effekt macht, lässt sich Moodysson entgehen, und kein heiligfamiliäres Arrangement, das in allen Bible Belts dieser Welt bejubelt werden dürfte – bis zur reuigen Heimkehr der Nanny und zur frischen Hausmannsberufung des bekehrten Traveller-Millionärs. Geschickt behauptet Moodysson zwar, seine Filme sollten bloß keine „Roboter sein, die ich dann per Fernbedienung hinausschicke in die Welt“. Doch wer seine Augen im Kino nicht vorwiegend als Reservoir der Tränenseligkeit benutzt, der sieht genau diese Fernbedienung in jedem Bild herumliegen.

Heute 12 und 15 Uhr (Friedrichstadt palast) sowie 22. 30 Uhr (Urania); 15. Februar 10 Uhr (Berlinale-Palast)

Der Urknall ist Mumpitz.

Es sei denn, Gott persönlich

hat ihn ausgelöst.

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