Kultur : Man lebt nur zweimal

„Paradise Now“ durchleuchtet die Motive palästinensischer Selbstmordattentäter

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Die schlechte Erinnerung zuerst: „Paradise Now“, einer der stärksten politischen Filme des Jahres und zugleich ein bemerkenswertes Kunstwerk, ist bei der Berlinale im Februar fast leer ausgegangen. Der israelischpalästinensische Publikums- und Kritikerfavorit holte zwar – wegen deutscher, französischer und niederländischer Fördermittel – den Trostpreis für den besten europäischen Film, aber keinen Goldenen Bären. Den hatte die Jury unter Roland Emmerich, fast hätten wir’s vergessen, einer grotesk pittoresken Township-„Carmen“ aus Südafrika vorbehalten.

Die gute Hoffnung gleich hinterher: Hany Abu-Assads Spielfilm, der die letzten 48 Stunden zweier palästinensischer „Märtyrer“ vor ihrem Selbstmordattentat in Tel Aviv nachzeichnet, kommt, wenn er am Donnerstag in den Kinos anläuft, fast schon zu spät. Viel hat sich in Israel getan: Premierminister Scharon setzte den Abzug aus Gaza durch und macht damit den Palästinensern wieder Hoffnung auf die roadmap zum eigenen Staat. Deren Führung wiederum mäßigt die Terrorzellen: Ein einziges Selbstmordattentat mit israelischen Todesopfern war in den letzten Monaten zu beklagen. Und schon wirkt ein Spielfilm, der nüchtern und ohne schrille Parteinahmen die Psyche solcher Attentäter auszuleuchten sucht, wie ein zeitgeschichtliches Dokument.

Der Frieden in Israel mag keine Utopie mehr sein, aber schwierig bleibt der Weg dorthin allemal. Zudem sprengen sich etwa im Irak täglich ideologische Zwillingsbrüder von Said (Kais Nashef) und Khaled (Ali Suliman) in ihr Augenblicksparadies. Und seit den Londoner Anschlägen ist der Kamikaze-Terrorismus ohnehin in Europa angekommen. Da ist es nur klug, wenn ein Kinofilm erstmals jenseits der fernsehversiegelten Ereignisroutine fragt: Was sind das für Menschen, was sind das für Gesichter, die sich zerfetzen lassen für eine Idee – und so viele andere wie nur möglich in den Tod reißen?

Es sind blasse, unsichere Gesichter, sagt „Paradise Now“, und schmächtige Körper. Der melancholische Said, dessen Vater als Kollaborateur von eben jenen Milizen hingerichtet worden ist, die nun den Sohn als Waffe gegen Israel scharf machen, ist sein Leben lang nicht aus Nablus und dem Westjordanland herausgekommen; gemeinsam mit seinem naiv- idealistischen Freund Khaled jobbt er in einer verrotteten Autowerkstatt, sie vertun ihre Tage. Leicht lassen sich solche Jungmänner rekrutieren und leiten von dynamischen, bärtigbebrillten Leuten wie Jamal (Amer Hlehel): Die schicken ihre eigenen Kinder auf gute Schulen, „Ausbildung bedeutet Zukunft!“, sagen aber zu den Selbstmordkandidaten ungerührt: „Weil ihr keine Angst vor dem Tod habt, habt ihr Macht über das Leben.“ Und legen ihnen väterlich die Hand auf die Schulter: „Ihr werdet sehr viel für uns bewegen.“

Ein Stationendrama ist „Paradise Now“, still im Auge des Sturms, umso dramatischer an den Rändern. Am Tag eins werden Said und Khaled ausgewählt, am Tag zwei werden sie rasiert, gewaschen, mit Bombengürteln präpariert und als vermeintliche Hochzeitsgäste über die Grenze ins israelische Gebiet geschickt. Doch die Sache fliegt auf, sie müssen zurück nach Nablus, und plötzlich ist das Leben ein zweites Mal da: sehr fühlbar, ein Geschenk. Sollte man es nicht annehmen – so schön wie ein Kinderdrachen, der sich vor Khaleds Augen im Zaun fast verfängt, so schön wie das Lächeln der ernsten Suha (Lubna Azabal), die Said zu verführen sucht?

Suha ist es, die alles durcheinander bringt, als der Auftrag für Tag drei kühl erneuert wird. Nur nicht so, wie das etwa in einem Hollywood-Drama mit love interest zu vermuten wäre. Sondern schmerzhafter und ernsthafter, mit verzweifelter Vernunft. Wie Hany Abu-Assad – in seinem dritten Spielfilm nach „The 14th Chicken“ und „Rana’s Wedding“ – überhaupt die spektakulären Elemente des Politthriller-Kinos weitgehend scheut: kaum Action, sparsame Dialoge, keine Musik. Und als es einmal laut und dramatisch zu werden droht, horchen plötzlich die Verwandten, die Freunde, die Auftraggeber, jeder für sich, in eine immer gespenstischere Stille hinein. Das ist groß.

„Zwei Engel holen euch ab“, sagt der coole Todescoach Jamal, als Khaled ihn nach dem Danach fragt. Doch im letzten Alleinsein geht es nicht um Ideologie und Politik und Opfermut, gar um die Hoffnung auf Engel oder sieben Jungfrauen im Paradies, sondern nur um die Summe individuellen Scheiterns. Und individueller Hoffnung. Auch das gibt der Film, der sich jeden eindimensionalen Kommentars enthält, in seinen Gesichtern zu lesen.

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