Kultur : Manga-Ausstellung: Angriff der Kulleraugenhelden

Oliver Heilwagen

Der Großangriff der kulleräugigen Stupsnasen steht unmittelbar bevor. Mangas, die japanische Version des Comics mit ihren grotesk gezeichneten Helden, werden auch hier zu Lande immer beliebter. Die bewegte Variante, Animes genannte Zeichentrickfilme wie "Sailor Moon" und "Dragon Ball", laufen im Fernsehen. Abendfüllende Kinofilme wie "Prinzessin Mononoke" sind Kassenschlager und heimsen Kritikerlob ein. Und Comicverlage wie Carlsen und Egmont kündigen an, künftig japanische Genreklassiker in Riesenauflagen auf den deutschen Markt zu werfen. Werden wir bald bei U-Bahnfahrten in telefonbuchdicken Manga-Wälzern schmökern, wie in Nippon üblich?

Wohl kaum. Dafür ist die Ästhetik dieser Comic-Art zu fremdartig, zu sehr vom hermetischen kulturellen Binnenkosmos des Inselreichs bedingt. Das fängt schon damit an, dass Mangas von rechts nach links, also für unsere Begriffe von hinten nach vorne gelesen werden. Daraus ergibt sich das Bauprinzip jeder einzelnen Seite. Zudem wird der Text viel stärker in die Zeichnung einbezogen, ist oft integraler Bestandteil des Bildes. Kein Wunder: Japanische und chinesische Schriftzeichen sind an sich schon stilisierte Bilder, ähnlich Piktogrammen. Schließlich folgen Mangas anderen Sehgewohnheiten. Während westliche Comics Momentaufnahmen der Handlung bieten und man sich das Dazwischenliegende denken muss, zerlegen Mangazeichner den Plot in zahllose Einzelszenen. Die werden gerne aus extremen Blickwinkeln gezeigt, denn Japans Kunst kennt traditionell keine Zentralperspektive. Details und scheinbar Nebensächliches gewinnen damit ungeahnte Bedeutung. Dazu kommen dem Film entlehnte Verfahren wie Zoom, Überblendung und rasante Schnitte.

Diese Eigenarten japanischer Bildergeschichten lassen sich ausgezeichnet in der Ausstellung des Museums für ostasiatische Kunst studieren. Seit Jahren tourt die von der Japan Foundation initiierte Show durch Europa. Doch der Kurator und renommierte Kritiker Natsume Fusanosuke hat der Versuchung widerstanden, die populärsten Comic-Helden auf Schautafeln zu kleben oder das ganze Spektrum der Subgenres (es gibt spezielle Mangas für Kleinkinder, Jungen, Mädchen, Angestellte, Hausfrauen und Rentner) abdecken zu wollen. Zugleich hat Natsume nur kurze, abgeschlossene Bildgeschichten ausgesucht. Die sind nicht eben typisch für ihr Herkunftsland, in dem erfolgreiche Serien, wie die "Akira"-Bände zeigen, häufig jahrzehntelang fortgesetzt werden. Aber sie gestatten, die ganze Story und ihre Pointe zu verstehen. Mit den ausufernden Endlosepen, die Dutzende von Erzählsträngen und Hunderten von Figuren einführen, wäre das unmöglich. Dagegen verzichtet der Ausstellungsmacher gänzlich auf Originalzeichnungen und Skizzen. Bei Manga-Produkten, die von Zeichnerteams industriell hergestellt werden, zählt erst das gedruckte Endprodukt und nicht der Entwurf, argumentiert Natsume im Katalog. Zu Recht verfolgt er die Absicht, die Comic-Strips von ihrem Schmuddelimage zu befreien.

Sex- und Gewaltdarstellungen haben am Gesamtmarkt keinen größeren Anteil als in der westlichen Welt, urteilt Jürgen Seebeck. Der 40-Jährige ist der einzige deutsche Zeichner, dem es gelungen ist, regelmäßig in Japan zu publizieren. Dort sind Mangas längst zu akademischen Ehren gekommen. Museen, Lehrstühle und Kongresse erforschen die Bilderflut. Denn der Absatz ist in den vergangenen Dekaden explodiert. Derzeit werden jährlich mehr als zwei Milliarden Magazine und Bücher für rund eine Billion Yen verkauft, das entspricht 40 Prozent des gesamten Presse- und Buchmarkts. 300 Magazine überschwemmen jede Woche die Läden, 400 Neuerscheinungen pro Monat füllen die Regale. Dabei ist es kaum ein halbes Jahrhundert her, dass Tezuka Osamu sein epochemachendes Werk "Schuld und Sühne" veröffentlichte. Mit seiner Adaption des Romans von Dostojewski bewies der japanische Walt Disney nicht nur, dass sich auch anspruchsvolle Stoffe für das Medium eignen, sondern er führte auch fast alle Ausdrucksformen ein, die Mangas bis heute prägen.

Ihre ästehtischen Vorläufer sind allerdings sehr viel älter: Karikaturen gibt es in Japan seit dem Mittelalter, das Wort "Manga" - zu deutsch etwa "Witzbild" - wurde vom berühmten Holzschnittmeister Hokusai 1815 eingeführt. Diese Ursprünge werden ebenfalls dokumentiert. Das Museum für ostasiatische Kunst hat Graphiken aus eigenen Beständen beigesteuert, die veranschaulichen, wie sich die Mangas aus der japanischen Holzschnitttradition mit ihrer narrativen Struktur und ihrem linearen Darstellungsstil heraus entwickelt haben. Leider wird die Sonderschau im hintersten Winkel des Gebäudes versteckt, während das Arsenal-Kino die Ausstellung mit einer Filmreihe voller stupsnasiger Monster begleitet. Doch ihre Kulleraugen folgen nicht einem Kindchenschema, sondern schlicht dem japanischen Schönheitsideal.

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