Kultur : Mannomann

Filmfestival Venedig: Neues von George Clooney, Kitano – und ein schwuler Western von Ang Lee

Jan Schulz-Ojala

Müllers Chaos-Tage bleiben Müllers Chaos-Tage, da mögen die überall Ordnung und Sicherheit signalisierenden Metalldetektoren noch so piepsen. Letztes Jahr hatte Festivalchef Marco Müller den Zeitplan derart überbucht, dass die Spät-Premieren meist mit mehrstündiger Verzögerung begannen; unvergessen der Fluch von Miramax-Boss Harvey Weinstein, er wolle Müller am liebsten in Beton gießen und in der Lagune versenken.

Diesmal kommt die Großpanne gleich am zweiten Tag. Offenbar aus Angst, wieder mit den Terminen ins Rutschen zu kommen, startet man den Film pünktlich. Nur ist das Publikum noch keineswegs komplett im Saal. Die Folge: Protestgeheul, Abbruch der Vorstellung, neuerlicher Imageschaden. Ist wieder einmal Hollywood betroffen? Schon möglich, dass die Amerikaner, erneut ordentlich am Lido vertreten, bald die Lust an den italienischen Verhältnissen verlieren.

Gerade erst hat George Clooney vor dem Palazzo del Cinema die Ovationen seiner Fans entgegen genommen, da ist er im Saal als Krisenmanager gefragt. Weil viele Zuschauer im Dunkeln aufgebracht nach ihren Plätze tappen, lässt Clooney die Weltpremiere seines zweiten Spielfilms „Good Night, and Good Luck“ nach zehn Minuten stoppen und mildert das Tohuwabohu – mit der charmanten Ankündigung, dem Publikum den Anfang nun höchstpersönlich zu erzählen. Was die Laune der anwesenden Produzenten und Verleiher sicher kolossal befördert.

Clooneys Film dagegen: streng, diszipliniert, klar. In feinem Schwarz-Weiß rekonstruiert er den Kampf des CBS-Journalisten Edward R. Murrow gegen Joseph McCarthy, der als Chef des Ausschusses für unamerikanische Umtriebe in den Fünfzigerjahren gegen so genannte Kommunisten hetzte. In seiner Kommentar-Sendung „See It Now“, die stets mit der titelgebenden GuteNacht-Floskel endete, setzte Murrow seinem Gegner mit Fakten und scharfer Meinung so hartnäckig zu, dass der schließlich jede Glaubwürdigkeit verlor. David Strathairn gibt – vielleicht eine Spur zu sehr von der Würde seiner Rolle eingenommen – den unbeugsamen Fernsehjournalisten, Clooney selber, stets warmherzig, den Produzenten der Sendung. „Good Night, and Good Luck“ ist, anstrengungslos unterfüttert mit Originaldokumenten, eine Hymne auf die Zivilcourage – und in Bushs Amerika, wo der FBI den Großen Lauschangriff praktiziert und eine Journalistin wegen ihres Festhaltens am Informantenschutz seit Wochen im Gefängnis sitzt, wohl nötiger denn je. Vor allem aber polemisiert Clooney, mit den fast 50 Jahre alten Überzeugungen Murrows, scharf gegen das Fernsehen von heute, das nur „ablenkt, unterhält und isoliert“, statt den auch politischen Verstand zu schärfen. Eine Botschaft, die in Italien zumindest von denen dankbar registriert wird, die sich gegen die galoppierende mediale Gleichschaltung unter Berlusconi wehren.

Da verzeiht man Clooney gern manches Leitartikelhafte seines Films, das auch den Predigerton nicht scheut. Dazu mag, als hübsche, wenn auch ein bisschen zu kunstfertige Fußnote Takeshi Kitanos kurzfristig in den Wettbewerb genommener Film „Takeshis“ funktionieren. Der Regisseur macht sich darin über seine Doppelexistenz als Autor düsterer Yakuza-Filme und „Beat Takeshi“-Witzbold des japanischen Fernsehens lustig. Mal ist er der von seinem Tun cool angeödete TV-Showproduzent, mal der Supermarkt-Kassierer, der sich, von Showdown zu Showdown, zum Super-Killer aus Kitanos großen Filmen hochträumt. Einen Langspielfilm aber trägt die Idee, die sich zudem bei Fellinis „Intervista“ und bei „Bonnie and Clyde“ bedient, dann doch nicht. Auch Selbstironie ist – manchmal – bloß selbstverliebt.

Und dann kommt Ang Lee und steckt sie alle in die Tasche. Der Taiwanese, der seit 25 Jahren in den USA lebt, erfindet mit jedem Film, vom „Hochzeitsbankett“ bis zum „Eissturm“, von „Sense and Sensibility“ bis zu „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ jedes Genre neu. Darüber, dass er mit „Brokeback Mountain“ nun den ersten ausdrücklich schwulen Western der Filmgeschichte vorlegt, haben viele zunächst gespottet. Doch nicht lange: „Brokeback Mountain“, der eine Short Story von Annie Proulx zum filmischen Epos weitet, ist eine sehr gefühlvolle und zugleich völlig unsentimentale Elegie auf die Unbesiegbarkeit der Liebe.

Ennis (Heath Ledger) und Jack (Jake Gyllenhaal) heuern im Sommer 1963, oben in Wyoming, als Schafhirten an. Eines Nachts, nach Wochen zu zweit in den Bergen, fallen sie übereinander her. Beide beteuern einander am nächsten Tag erschreckt, sie seien nicht „queer“, Ennis hat sogar schon eine Braut. Und doch formt sich da am Brokeback Mountain, was eine lebenslange Liebe werden wird – über Jahre der Trennung, über Ehen und Scheidungen hinweg. Bloß miteinander leben dürfen sie nicht: Der Westen mag wild sein, doch nur innerhalb eiserner Regeln. Homosexualität wird da schon mal mit dem Tode bestraft.

Ang Lees 135 Minuten langer Film schildert, gelassen und hoch konzentriert, zwei Jahrzehnte im erschütternd von Leugnung, Verdrängung und Schweigen umstellten Leben dieses (Nicht-)Paars – und mündet in zwei atemberaubend stille Szenen. Eine gewaltige Geschichte aus Tabus und Freiheitsdurst, Sehnsucht und Irrtum, Trauer und Glück: Ob die Jury unter dem italienischen Filmausstatter Dante Ferretti sie schon auf der Rechnung hat?

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