Marc Blitzstein und seine Opernklamotte "Triple-Sec" : Geschüttelt, nicht gerührt

Meister des satirischen Musicals: Das Konzerthaus entdeckt den Komponisten Marc Blitzstein. Seine schrille Farce „Triple-Sec“ von 1928 wird mit Gershwins „Blue Monday“ kombiniert.

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Let’s dance! Das Konzerthaus feiert die 20er Jahre. Foto: Corbis Images / Konzerthaus
Let’s dance! Das Konzerthaus feiert die 20er Jahre.Foto: Corbis Images / Konzerthaus

Der Vorhang rauscht beiseite, eine Frau im schwarzen Anzug begrüßt ihre Gäste: „Hello suckers!“ Starker Tobak. Auf Deutsch würde das etwa heißen „Hallo, ihr Spackos!“. Aber jetzt bitte nicht beleidigt sein – das ist nur ein Zitat. Denn genau so hat einst die amerikanische Schauspielerin und Nachtclubbesitzerin Texas Guinan ihre Gäste in New York begrüßt, und da waren durchaus prominente Schwergewichte darunter, Walter Chrysler etwa oder Reggie Vanderbilt. 1920 war das, im Morgendunst der Prohibition.

Jetzt allerdings sitzen wir nicht in Manhattan, sondern im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt. Und die Frau ist Katharina von Bülow, Mezzosopranistin und Conférencière in „Triple-Sec. Die Sünde des Lord Silverside“ des US-Komponisten Marc Blitzstein. Das Stück wird am 14. März im Rahmen des Festivals "Mythos Berlin" aufgeführt. Zum ersten Mal seit den 60er Jahren und in Europa überhaupt zum allerersten Mal. Eine klassische Oper ist es auf gar keinen Fall, auch kein Musical, dazu ist es viel zu kurz. Eine Farce eher, eine Klamotte. Blitzstein hat sie 1928 geschrieben und zur Uraufführung mit zwei anderen Stücken kombiniert. Eines ist heute vergessen, das andere war „Pierrot Lunaire“ von Arnold Schönberg.

Ja, Blitzstein war eine recht große Nummer damals. Allein der Name haut schon richtig rein. Wie kommt es, dass er in Europa heute komplett vergessen ist? Wie so oft, hat auch hier der Nationalsozialismus höchst erfolgreich und nachhaltig die Erinnerung verdrängt. Marc Blitzstein (1905– 1964) war eine schillernde Figur und gleich vierfacher Außenseiter: Jude, Schwuler, Neutöner und Kommunist. Das Letzte war für die US-Regierung das Schlimmste, nach dem Krieg musste er vor dem McCarthy-Komitee erscheinen, zum Glück ohne größere Folgen für ihn.

Für einige Monate war Blitzstein Schüler von Arnold Schönberg in Berlin

Den größten Teil seines Lebens war Blitzstein Anhänger sozialistischer Ideen, setzte sich für Arbeiter, Arme und Unterprivilegierte ein, seine Stücke liefen nur Off-Broadway. Und das, obwohl er einer durchaus bürgerlichen Familie entstammte. Nach einem Studium in Philadelphia ging er nach Europa, in Berlin war er kurzzeitig Schüler von Arnold Schönberg, damals Professor an der Akademie der Künste. Besonders herzlich kann das Verhältnis nicht gewesen sein, denn schon nach wenigen Monaten trieb es den rastlosen Blitzstein nach Paris, zu Nadia Boulanger. Er schrieb Chor-, Film- und Kammermusik, seine Hauptgenres jedoch wurden Musical und Revue, 1937 feierte er seinen größten Erfolg mit dem Gewerkschafts-Musical „The Cradle Will Rock“ (auf Deutsch: „Das schwankende Schiff“).

Im selben Jahr starb seine Frau, Eva Goldbeck, eine Berlinerin, mit nur 36 Jahren an Brustkrebs und Magersucht. Hatte es damit zu tun, dass er sich nur für Männer interessierte? Blitzstein war ein enger Freund von George Gershwin und später von Leonard Bernstein, er übersetzte die „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill ins Englische. Sein Tod erinnert an den von Pier Paolo Pasolini oder Walter Sedlmayr: Auf Martinique lernte er drei Fischer kennen, die ihn so schwer zusammenschlugen, dass er an inneren Verletzungen starb.

Weill auf Speed - so klingt seine Musik

Als „Weill auf Speed“ charakterisiert Dramaturg Arno Lücker Blitzsteins Musik: schnell, dissonant, bissig, satirisch, tänzerisch und amerikanisch insofern, als dass er keine Scheu hat, ernste Inhalte in populäre Formen zu packen. Neben Kurt Weill – dessen „Silbersee“ ebenfalls im Rahmen des Festivals gespielt wird – haben ihn vor allem Strawinsky und Hindemith inspiriert. Und, trotz aller Differenzen, Schönberg natürlich. Spuren von Zwölftonmusik finden sich auch in Blitzsteins Kompositionen, in die harmonische Grundstruktur ist häufig absichtlich ein „falscher“ Ton eingeschmuggelt.

Dramaturg Arno Lücker widmet sich leidenschaftlich der Ausgrabung vergessener Werke. „Was hat denn schon überlebt aus dieser Zeit, außer ,Dreigroschenoper’ und ,Mahagonny’?“, fragt er – und findet es großartig, dass auch Intendant Barrie Kosky an der Komischen Oper seit einiger Zeit tolle Operetten wiederentdeckt und auch bei diesem Abend als Koproduzent dabei ist.

Regie bei „Triple-Sec“ führt Tobias Ribitzki, der jetzt, auf der Probe, akribisch mit Katharina von Bülow arbeitet. „Bitte mach die Gesten noch exaltierter“ – „Kannst du den Arm so verschränken, dass der Ring an deiner Hand oben liegt?“ – „Am besten, du fährst dir mit dem Zeigefinger über den Mund, nicht mit dem Daumen.“ Ganz schön streng, aber auch charmant. „The ordinary cabaret gives you music, girls and fun“, singt von Bülow, natürlich auf Englisch, alles andere ginge gar nicht. „Hello suckers!“ etwa übersetzt die Partitur mit „Hi, ihr Trottel!“ ins Deutsche. Gewöhnliches Cabaret bietet also nur Musik und Mädchen, hier aber, verspricht die Conférencière, warten „chicken and Chekov, beer and Barrie, Schnitzel and Schnitzler“ auf die Besucher.

Die Handlung des Einakters? Eine Unbekannte kommt ins Haus von Lord Silverside, der sich gerade mit seiner neuen Frau vergnügt, die Besucherin entpuppt sich als deren Vorgängerin, es kommt zum Eklat, Wände stürzen ein. Das war’s. Banal, wenn Blitzstein und sein Librettist Ronald Jeans nicht die Rollen verdoppeln und verdreifachen würden, 14 Sängerinnen und zwei Sänger (unter anderem aus dem Opernstudio der Komischen Oper) machen mit – und viel Alkohol. So erklärt sich der Titel: „Triple Sec“ bedeutet „dreifach trocken“, es ist der Name eines 40-prozentigen, dreifach gebrannten Likörs aus Curaçao. Arno Lücker schwenkt die Flasche und spekuliert. „Blitzstein war viel in der Karibik unterwegs, wahrscheinlich hat er sich dort dort zu dem Titel inspirieren lassen.“

Bleibt nur noch ein Problem: Mit Gershwins Jazzoper „Blue Monday“ wird „Triple-Sec“ zu einem rasanten Opernabend kombiniert. Die Macher betten zudem beide Stücke in authentisches 20-Jahre-Flair ein und machen das Publikum zum Teil der Inszenierung: Der Werner-Otto-Saal verwandelt sich in eine Bar, ab 19 Uhr ist geöffnet. Und Triple Sec wird auch serviert, versprochen.

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