Kultur : Marcel Marceau: Bip Bidip Bip

Kai Müller

Er ist der Letzte. Nach ihm wird keiner mehr kommen, der die hohe Kunst der Pantomime, diese wortlose Poesie des Alltags, als Gattung retten könnte. Und wahrscheinlich weiß er das auch. Denn dass Marcel Marceau mit 78 Jahren noch einmal nach Berlin zurückkehrt, wo seine internationale Karriere vor einem halben Jahrhundert begann, hat etwas von der Ruhelosigkeit eines Künstlers, der zwar alles gesagt hat, aber vielleicht nicht oft genug.

Auch darin gleicht Marceau seinem Bühnengeschöpf BIP, dieser tragikomischen Kreatur des Scheiterns, deren Markenzeichen ein zerknautschter Seidenhut mit einer roten Blume ist. BIP muss alles, was er angeht, bis zur Erschöpfung wiederholen, sei es als Löwenbändiger, Straßenmusiker oder Junggeselle, der sich einer Heiratsvermittlung anvertraut. Nie laufen die Dinge so, wie er sich das vorstellt. Diese Schwäche macht Marceaus BIP so liebenswert, zumal sein Hut mit den Jahren noch zerknautschter geworden ist und sein Körper die Tücken des Lebens nicht mehr ganz so behende abfängt.

Dennoch, bei seinem Soloprogramm "Pantomimes de BIP" in der Staatsoper zeiht Marceau noch einmal sämtliche Register seiner Virtuosität. Die meisten Nummern sind Jahrzehnte alt, was ihnen eine gewisse nostalgische Anmut verleiht. Man spürt deutlich, dass sich die Pantomime seit ihrer Renaissance in den 50er Jahren kaum weiter entwickelt hat, dass ihr Ausdrucksrepertoire sich in Clownerien und Bewegungsstudien erschöpft. Gebannt folgt man Marceau auf seinem Weg durch die emotionalen Wechselbäder zwischen Glück und Verzeiflung und amüsiert sich zugleich über die in subtiler Präzision gezeichneten imaginären Charaktere, die einer vergangenen Epoche entsteigen. Den Anfang macht "Der Kunstmaler", ein eitler Geck, der seine Staffelei umständlich in die Landschaft pflanzt, sein Objekt fixiert und dann planlos Striche, Linien, Kleckse auf die Leinwand wirft. Am Ende vernichtet er sein abstruses Werk, schultert die Staffelei und zieht von dannen. Ein schönes Gleichnis, das Marceaus eigenem Bemühen, die Pantomime als moderne Kunstform zu erneuern, nicht ganz fern ist.

Denn mehr noch als seine Solo-Studien interessierte den im Elsass geborenen Decroux-Schüler, das Erbe von Chaplin, Keaton, Barreault und ihm selbst in einer eigenen Theater-Compagnie weiterzureichen. "Nur durch eine Schule kann eine Kunst überleben", prophezeit Marceau. Doch seine "Mimodramen", in denen er Stoffe wie Voltaires "Candide" zur pantomimischen Großform umarbeitete, blieben hinter den Erwartungen zurück.

Pantomimen sind Einzelgänger. Ihr Schweigen hat Marceau einmal als ein Verstummen vor dem lärmenden Getöse der Welt bezeichnet, "in dem noch das Echo des Krieges nachhallt". Was sich hinter dem weiß gepuderten Gesicht des Mimen abspielt, dessen Vater im Zweiten Weltkriege von Deutschen ermordet wurde, enthüllt er zum Abschluss seines umjubelten Gastspiels als "Maskenbauer". Der stülpt sich in immer schnellerer Abfolge groteske Kunstgesichter über und verfällt einem rasenden Wechselspiel der Gefühle - bis sich plötzlich die Fratze des Lachenden nicht mehr abnehmen lässt. Er zieht an ihr und reißt, aber er bekommt sie nicht fort. Man muss sein verborgenes Antlitz nicht sehen, um die Verzweiflung des zu ewigem Frohsinn Verdammten zu spüren.

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