Kultur : Marcello Mastroianni: Der Star sitzt unter Bäumen und redet ohne Unterlass

Hans-Jörg Rother

Er war ein Liebling des Publikums. Viele Frauen sahen in ihm den begehrten Mann, den ihnen das Leben leider verweigert: charmant, einfühlsam und in ernster Stimmung um so liebenswerter. Die Männer stellten ihn sich vielleicht als guten Freund vor, dessen Heiterkeit auch schwierige Lebenslagen erträglich macht. Diese Ausstrahlung kam zuerst von seinen Rollen doch das Flair, das selbst schwache Filme mit ihm überzog, brachte Mastroianni mit seinem Gesicht, seiner Stimme und der lebhaften Sprache seiner Hände hervor.

Marcello oder Marcellino, wie Fellini den Freund vertraulich anredete, ist nicht alt geworden. 1996 starb er, mit 72 Jahren. Aber seit 1949 hat er über hundert Filme mit seiner unverwechselbaren Darstellungskunst geprägt. Fünfzehn davon stehen in den ersten beiden Juniwochen auf dem Programm des glücklich renovierten Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, die meisten davon in der Originalfassung mit englischen Untertiteln. Endlich können wir Klassiker wie "Die Nacht", "Chronik armer Liebesleute", "Ginger und Fred", "Scheidung auf italienisch" oder "Weiße Nächte" in der restaurierten Ursprungsform erleben. Wenn dann die Musik von Nino Rota ertönt, wird wohl noch einmal klar, dass diese Filme im besten Sinne unterhalten, indem sie in eine Lebensart - die uns Deutschen nur gut tun kann, doch die zu erlernen wir zu schwerfällig sind - einführen.

"Ich erinnere mich, ja, ich erinnere mich", so heißt das abendfüllende Selbstporträt, bei dem Anne Maria Tatò - seit 1974 Mastroiannis Lebensgefährtin - Regie führte. Nach dieser Einleitung sieht man den Star malerisch auf einem Douro-Boot die Brücken von Porto unterqueren. Dann geht es im Wagen immer höher ins Gebirge, zu den Drehorten für Matroiannis letzten und Manuel de Oliveiras achtzehnten Film "Reise zum Anfang der Welt". Meist sitzt der Schauspieler in einem schönen Korbstuhl unter Bäumen, einen Strohhut auf dem Kopf, und ohne dass man je eine Frage hört, redet er ohne Pause und Verlegenheit über sich.

Glücklich, wer das Italienische beherrscht und sich ganz dem warmen Klang dieser Stimme hingeben kann. Aber auch so bleibt vor allem diese Sprachmelodie in Erinnerung. Nicht dass der Inhalt bedeutungslos wäre, die Anekdoten von den Eltern, die staunend zu ihrem Sohn auf der Leinwand aufschauten und nie verstanden, was er da tat und sagte; von Visconti, der den jungen Mann auf einer römischen Studentenbühne entdeckte, von de Sica und natürlich von Fellini. Ein wenig zweifelnd hört man zu, wenn Mastroianni betont, das süße Leben der Bourgeoisie nur durch seine Filmrolle zu kennen und keinesfalls der latin lover gewesen zu sein, den er mit Leichtigkeit verkörpert. Gab es da nicht manche Affäre neben der 1950 geschlossenen Ehe, haben er und Catherine Deneuve nicht eine gemeinsame Tochter?

Ehrlich gesteht der Schauspieler ein, bei der Übernahme von Rollen nicht immer wählerisch und für die Verlockungen des Geldes empfänglich gewesen zu sein. Doch mehr als alles Gesagte beeindruckt sein Gesicht, in das das Alter tiefe Furchen gegraben hat. Die Haut wirkt wie gegerbt, die Wangen sind schmal geworden. Wo ist die geschmeidige Kraft dieses Körpers geblieben? Aber die Augen leuchten, und ihr Glanz geht nicht aus dem Sinn. Am Ende des Porträts sitzt der eben noch so redselige Star fast verstummt neben de Oliveira, und sein Lächeln scheint schon nicht mehr ganz von dieser Welt.

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