Kultur : Marco Polo aus Mülheim

Der Theatermacher Roberto Ciulli feiert 70. Geburtstag

Rüdiger Schaper

Als das dumme Wort von der „Achse des Bösen“ noch nicht erfunden war, da war Roberto Ciulli schon lange auf ihr unterwegs. Nur dass er, der Landsmann Marco Polos, den älteren Namen dieses langen Weges kennt: die Seidenstraße. Es ist der Traum des Theatermachers, mit Goethes „Faust“ einmal von Europa nach Asien zu ziehen, in einer Karawane der Fantasie und des Friedens.

Theater heißt für Ciulli: Reisen. Risiko. Familie. Mit Mitte Zwanzig gründete der gebürtige Mailänder ein Zelttheater, das bereits (bescheiden nach Shakespeare) „Il Globo“ hieß. 1965 kam der Italiener aus großbürgerlicher Familie nach Deutschland; begann am Deutschen Theater Göttingen als Bühnenarbeiter und war bald Regisseur. Damals inszenierte er „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit ausdrücklichem Verweis auf die § 218-Debatte und hatte seinen ersten Theaterkrach am Hals.

Roberto Ciulli ist ein Zauberer. Wie sonst hätte er das Kunststück fertig gebracht, in Mülheim an der Ruhr ein Theater zu gründen, das Weltgeltung hat? Anfang der Achtzigerjahre hob er die fahrende Truppe aus der Taufe, zusammen mit dem Bühnenbilder Gralf-Edzard Habben und dem Dramaturgen Helmut Schäfer. Die Drei leiten heute noch das Theater an der Ruhr. Dank Ciullis einzigartiger Diplomatie gastierten die Mülheimer in über dreißig Ländern – und das sind oft schwierige, nicht immer ungefährliche Missionen gewesen. Ciulli erkundete den Balkan, als niemand sich dafür interessierte. 1999 war das Theater an der Ruhr zum ersten Mal in Teheran – als erstes westliches Ensembles nach der islamischen Revolution. 2002 spielten Ciulli und seine Leute eine Woche lang in Bagdad Stücke von Handke, Brecht, Sophokles und den „Kleinen Prinzen“, trotz Embargo und amerikanischer Kriegsdrohung. Wer Ciulli auf solchen Expeditionen erlebt hat, weiß: Er ist nicht nur ein Zauberer und Clown, ein Patriarch und Pirat, er ist auch Botschafter, Kulturpolitiker und ein Regisseur, dessen Theatersprache universalen Charakter besitzt. Man spürt darin die Erfahrung der Weltreisen.

Das Theater an der Ruhr könnte Modell sein: schlank organisiert, ungemein beweglich. Man wird, sollten die Zeiten härter werden, noch darauf zurückkommen. Heute, an seinem 70. Geburtstag, steht Roberto Ciulli in Mülheim auf der Bühne, in seiner Inszenierung der Genet’schen „Wände“. Dann bricht er wieder auf, zu Gesprächen in Kurdistan. Buon viaggio!

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