Kultur : Marie Darrieusecq beerdigt eine routinierte Ehe

Karen Fuchs

Im Fall von Marie Darrieussecq gilt die die Binsenweisheit, dass zweite Bücher schwere Bücher sind, unter verschärften Bedingungen. Publikum und Kritik haben die Maßstäbe beim zivilisationskritisch aufgeladenen Debüt "Schweinerei" ("Truismes") in schwindelerregende Höhen getrieben. Die Geschichte der Kosmetikerin, die von Kunden und Männern behandelt wird wie eine Sau und sich gleich selbst in eine verwandelt, verkaufte sich allein in Frankreich über 300 000 Mal und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Ein erster Blick auf den Plot von "Gespenster sehen", den schmalen Nachfolgeroman, legt den Verdacht nahe, dass die junge Französin auf die Rezeptur des Erstlings setzt. Wiederum entwickelt die Autorin ihre Geschichte aus einer einfachen, aber effektvollen Grundidee. Und wiederum läßt sie diese von einem weiblichen Ich erzählen. Der Gatte der Erzählerin kehrt vom allabendlichen Baguettekauf nicht in die Vorstadtwohnung zurück und das nach sieben Jahre Ehe, Routine, Zuverlässigkeit. Ein Treppenwitz also, der einlädt zur Burleske und zur Identifikation. Darrieussecq jedoch schlägt aus, was auf der Hand liegt. "Gespenster sehen" ist anders als "Schweinerei", nicht grell, selten lustig und auch das Attribut kurzweilig paßt so gar nicht zu diesem ernsten Protokoll eines Verlustes. Das liegt zum einen an der Person der Ich-Erzählerin, die nichts von der naiv-ungebildeten Schweinedame des Vorgängers hat. Zum anderen enthält sich die Autorin weitgehend jener kuriosen Einfälle und phantastischen Inszenierungen, die sich in "Schweinerei" geradezu jagten.

Zwar überprüft Darrieussecqs Erzählerin im ersten Schock kriminalistisch spitzfindig Motive für das Verschwinden ihres Mannes: mögliche (Ehe-)Geheimnisse, eine doppelte Identität, einen Racheakt, eine Entführung. Aber die nüchtern, sich selbst beobachtende Frau macht sich nichts vor. In ihrer Ehe gab es keinen doppelten Boden. Gewiss, die verbummelte Studentin und der akkurate Immobilienmakler waren für Freunde und Familie eine überraschende Kombination, und der Kinderwunsch blieb unerfüllt. Darüber hinaus erreichten die Konflikte im gemeinsamen Leben allenfalls Dimensionen eines Disputs um die Farbe der Küchenstühle. Die Banalität und die Kraft dieser wenig spektakulären Liebe überfallen die Verlassene erst, als sie sich alleine wiederfindet. Hilflos versucht sie das plötzliche Gefühl von Leere und Haltlosigkeit zu begründen, indem sie - vergebens - das Einzigartige ihres Zusammenseins erforscht. Die Abwesenheit des Anderen erfährt sie wie ein physisches Leiden, wie eine körperliche Versehrtheit. Je nachhaltiger sich die Gewißheit durchsetzt, dass der Gatte nicht zurückkehrt, desto umfassender ergreifen Einbildungen und fixe Ideen von der Erzählerin Besitz.

Ein Großteil des Romans spielt im Dunkeln, wenn es der jungen Frau am schwersten fällt, diese Gespenster von sich fern zu halten. Die Schatten der Nacht, erkennt sie in solchen Momenten, waren bisher abgeprallt an der realen Körperlichkeit ihres Mannes. Ohne diesen Schutz sieht sie sich zurückgeworfen auf ein Selbst, das für sich nicht existieren kann und will. Gelegentliche Interventionen der besten Freundin, der Mutter oder der Schwiegermutter nimmt sie wahr wie durch einen Schleier. Wenn sie von den Kontakten mit dieser "komplizenhaften Frauenclique" berichtet, blitzt jener bösartige Humor auf, der Darrieussecqs Debüt kennzeichnete. Im wesentlichen verbleibt die Erzählung jedoch in der zunehmend versponnenen Innensicht ihrer Erzählerin. Mit suggestiven Bildern aus dem Bereich von Chemie und Physik zieht Marie Darrieussecq den Leser nach und nach in die Wahrnehmungsmuster ihrer Protagonistin hinein. Die Konzentration auf das Imaginäre macht die Stärke von "Gespenster sehen" aus. Die Autorin braucht keine dramatische Szenen, um dem Alltäglichen Faszination zu verleihen. Der Roman läßt sich lesen als eine verzweifelte, weil verspätete Liebeserklärung.Marie Darrieussecq: Gespenster sehen. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Carl Hanser Verlag München Wien 1999. 156 Seiten, 29,80 Mark.

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