Mario Testino im Museum für Fotografie : Groß, nackt und prüde

Perfekte Körper, fettpolsterfrei und androgyn: Das Museum für Fotografie zeigt Bilder von Mario Testino. Mainstream-Erotik, die mehr langweilt als antörnt.

Jens Hinrichsen
Buddy Bodies. James Gooding, Donovan Leitch, Los Angeles um 1999.
Buddy Bodies. James Gooding, Donovan Leitch, Los Angeles um 1999.Foto: M. Testino

Ohne einen Blick auf die „Big Nudes“ des großen Meisters kommt man nicht zu den Ausstellungsräumen. Egal, was in der Helmut Newton Foundation gezeigt wird, die fünf nackten Amazonen, riesenhaft vergrößert, warten im Treppenhaus. Im ersten Stock trifft man sie neben Soloschauen von Mario Testino und Jean Pigozzi in einem „Making of the Big Nudes“ zurzeit gleich wieder. Interessanterweise hat Newton 1980 in Paris schon mit allen Schikanen produziert, etwa mit Videotechnik. Man erblickt ganz unamazonenhaft lächelnde Models auf Probeschüssen. Schauen wir in Zukunft weniger ehrfürchtig auf die monumentalen Schönheiten in der Lobby?

Überlebensgroß geht es in der Schau „Mario Testino. Undressed“ weiter. Titelgemäß ist viel nackte Haut zu sehen, etwa 50 Porträtfotografien, die wie Tapeten auf den Wänden der drei Säle kleben. Durch die raumfüllende Präsentation ergeben sich schöne Gags wie die Feuerlöscherklappe auf Kate Moss’ Pobacke oder das Zusammenspiel realer Steckdosen mit vergrößerten Brustwarzen. Veronika Kupciková und Amanda Moore flankieren eine (echte) Tür; zwei mit Leopardenfellstiefeln und Pumps beschuhte Supermodels, die direkt auf den Sockelleisten des Saals zu stehen scheinen.

Schöne Körper pflastern die Räume

Testino, 1954 in Lima geboren, ist mit Modestrecken für „Vogue“ und „Vanity Fair“ bekannt geworden. Dass er Männer und Frauen gleich sexy findet, ist unübersehbar. Androgyner geht es kaum, insofern wirkt „Undressed“ wie die Begleitschau zum rot-rot-grünen Koalitionsvertrag, in dem Berlin zur künftigen Regenbogenhauptstadt erklärt wird. Jenseits der queeren Grundierung kann man sich aber durchaus an der Mainstream-Erotik stören, die sich keinen Millimeter über die fettpolsterfreie Zone und die straffe Haut bis 25 hinauswagt. Schönheit kann auch zu viel werden, vor allem, wenn ganze Räume mit gepflegter Körperlichkeit zugepflastert werden.

Eine Fluchtmöglichkeit ergibt sich mit der Kabinettschau „Jean Pigozzi. Pool Party“. Zu sehen sind die Promis, die Schönen und Reichen, die den französischen Erben der Automarke Simca, den Kunstsammler und Fotografen Jean „Johnny“ Pigozzi in seiner Villa in der Nähe von Cannes besucht haben. Am Pool ließ sich auch Helmut Newton – mit der Kamera im Anschlag – ablichten, mit dem Pigozzi ebenso befreundet war wie Testino. Die „Pool Party“-Schnappschüsse sind in den 80er und 90er Jahren entstanden, Stars wie Sharon Stone, Elizabeth Taylor, Michael Douglas oder Jack Nicholson geben sich ganz ungezwungen, die Eheleute Anne Bancroft und Mel Brooks planschen im Becken, Galeristenkönig Larry Gagosian schützt sich mit dunkler Brille vor der Mittelmeersonne.

Ein wenig eintönig

Insgesamt wirkt die im stets gleichen Schwarz-Weiß-Querformat abgelichtete Promi-Parade ein wenig eintönig, ganz im Gegensatz zur Auswahl der Newton-Bilder in der bunt gemischten Ausstellung „Unseen“. Neben der genannten Doku zu den „Big Nudes“ sind Serien um die Tanzcompany von Pina Bausch, Aktaufnahmen aus einem italienischen Weingut und Porträts von Stars wie Jeremy Irons, Mickey Rourke oder Sigourney Weaver zu sehen. Frauenakte, mit Fango-Packungen bedeckte Körper, Models in edlem Zwirn: alles wurde bei Newton zum Bild, immer anders, immer besonders.

Helmut Newton Foundation im Museum für Fotografie, Jebenstr. 2, bis 19.11.; Di bis Fr 11–19 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa/So 11–19 Uhr

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben