• Mark Albrecht nennt sich "Aldi": Verrückt machen gilt nicht - Der Maler kämpf um seinen Namen und gegen die Entmündigung

Kultur : Mark Albrecht nennt sich "Aldi": Verrückt machen gilt nicht - Der Maler kämpf um seinen Namen und gegen die Entmündigung

Kai Müller

Das Wichtigste, sagt er, das Wichtigste sei jetzt, dass er seine Bilder verkaufen kann. Mark Albrecht legt Dia-Abzüge auf den Kneipentisch. Sie zeigen seine Bilder, gelbe und weiße Farbflächen, darauf der Schriftzug "ALDI", in fetten schwarzen Lettern. "Porträts" nennt Mark Albrecht diese Bilder, die sich in seinem Atelier stapeln. Lange hat er sich nicht von ihnen trennen können. "Sie sind Teil meines Lebens. Aber wenn ich sie jetzt verkaufen würde, dann könnte ich die Vorwürfe widerlegen." Denn ein Künstler, der für verrückt erklärt wird, aber Erfolg hat, ist weniger schutzlos.

Neben die Dias hat Albrecht einen Ordner gelegt: Urteilsverkündung, Kostenrechnung und Pfändungsbeschluss. Es schließt sich ein Briefwechsel mit den Amtsgerichten in Mitte und Tiergarten an. Schließlich die mehrfache Aufforderung, sich im Gesundheitsamt Tiergarten für eine Unterredung mit dem Psychologen einzufinden. Es ist die Dokumentation eines Falles, der mit einem Prozess gegen die Lebensmittel-Kette Aldi begonnen und der zwangsweisen Vorführung vor einem psychiatrischen Gutachter einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Dazwischen liegt Albrechts Ringen um künstlerische Autonomie.

Mark Albrecht, 1969 in Salzgitter geboren, nennt sich "Aldi". Der Name sei ihm in seiner Jugend von Freunden verliehen worden. Ein Spitzname also. "In der Kunst ist es sehr wichtig, von wem ein Werk geschaffen wurde", sagt er, "wessen Name darunter steht, ob es die Signatur Picassos oder Dalis trägt." Dass seine Signatur dem Firmenlogo der Gebrüder Albrecht nachempfunden ist, ja selbst die Farben - blaue Schrift auf gelbem Grund - sich am Erscheinungsbild des Billigdiscounts orientieren, kümmert ihn nicht. "Die Bilder", erläutert er, "sind extrem egozentrisch. ALDI, das meint niemand anderen als mich." Als er den Namen 1998 beim Patentamt schützen ließ, wurde der Lebensmittelkonzern Aldi auf den Künstler "Aldi" aufmerksam und reichte eine Unterlassungsklage ein. Es kam zum Prozess. Albrecht wurde untersagt, den Namen "in Alleinstellung" zu führen. Bei Zuwiderhandlung muss er mit einer Strafe von 500.000 Mark oder einer Ordnungshaft von sechs Monaten rechnen. Deshalb nennt er sich jetzt "Maler Aldi". Die Kosten des Verfahrens in Höhe von 8644 Mark 33 wurden ihm ebenfalls auferlegt. Er weigerte sich, das Geld zu bezahlen. Als die Gerichtsvollziehrin seine Wohnung begutachtete, kam sie zu dem Schluss, dass er so viel nicht besitzt.

Von der Stasi verfolgt

"Ich habe ihm unbedingt geraten, diesen Prozess, den er nur verlieren konnte, nicht zu führen." Rolf Coeppicus war 22 Jahre Richter am Amtsgericht Oberhausen. Er ist Spezialist für Unterbringungsfragen und ein enger Freund der Familie Albrecht. Er ist überzeugt davon, dass der 31-Jährige an Verfolgungswahn leidet. Er schlafe nachts im Freien, berichtet der Richter, weil er sich in seiner Wohnung von der Stasi abgehört fühle und der Nachbar ihm angeblich giftige Gase ins Zimmer leite. Sogar den verlorenen Prozess habe er seinem Anwalt angelastet. Der Richter ist erregt. Es empört ihn, dass der Sozialpsychiatrische Dienst in Berlin es nicht für nötig erachtet, sich Albrechts anzunehmen. Stattdessen diese Kunst. "Es ist für einen Psychopathen charakteristisch, dass er sich im Mittelpunkt sieht. Seine Bilder haben nichts Originäres, sie bestehen lediglich in der Kopie eines Firmenlogos. Aber weil er sich damit identifiziert, wird er niemals andere Bilder malen als diese."

Albrecht bezeichnet seine Kunst als "21. Abstraktivismus". Schrift- und symbolische Zeichen, wie Logos oder Werbesprüche, gestalteten die Wirklichkeit. Und er fordert, die Kunst müsse auch Werbe-Ikonografien uneingeschränkt aufgreifen dürfen. Bei dem ersten Versuch, eine reduzierte, metaphorische Bildsprache zu entwickeln, porträtierte er eine Prostituierte. Er besuchte sie in der Oranienburger Straße, um sich ihre Lebensgeschichte erzählen zu lassen und kritzelte, was er hörte, auf eine mitgebrachte Leinwand. In großen, sperrigen Lettern stand schließlich "SIE", mal über oder unter seinem eigenen Idiom "ALDI". Porträts von Christoph Schlingensief und Dieter Lund entstanden nach dem selben Schema.

"Als ich nach der Fertigstellung meiner ersten Serie Schwierigkeiten hatte, einen Ausstellungsraum zu finden, sahen meine Eltern darin den Beweis, dass ich es als Künstler nicht schaffen würde." Der Vater, Ingenieur, die Mutter, Innenarchitektin, gehören einem liberalen Millieu an, in dem Bildung groß geschrieben wird und Leistung eine Tugend ist. Aber Albrecht möchte sich heute nicht mehr festlegen lassen. Er vertrete nicht Meinungen, sondern gebe Ansichten wieder, bringe Argumente ins Spiel, um zu sehen, was passiert.

Noch bevor es im Herbst letzten Jahres zur Zwangsvollstreckung durch die Firma Aldi kam, wurde auf Betreiben des mit den Eltern befreundeten Richters ein Betreuungsverfahren gegen "Aldi" Albrecht eingeleitet. Es bestehe der Verdacht, hieß es, dass er seine Angelegenheiten alleine nicht mehr regeln könne. Er bat um eine Begründung. Sie blieb aus. "Was mich am meisten aufgeregt hat: Dass meine Anfragen stets kommentarlos mit neuerlichen Terminaufforderungen beantwortet wurden." In dieser Zeit habe er auch den Kontakt zu seinen Eltern nicht mehr aufrecht erhalten können. Sie hätten getan, als würde es das Verfahren gegen ihn gar nicht geben. Man warf ihm vor: "Das Verfahren bildest du dir auch nur ein." Die Angst, dass seine Äußerungen gegen ihn verwendet werden könnten, ist groß.

Das Verfahren sei gar nicht das eigentliche Problem, wendet die Mutter ein, "sondern dass er sich ihm vollkommen entzieht". Dabei stimmte ihr Sohn einer Untersuchung zu, unter der Bedingung, dass er das Gespräch mit dem Psychologen auf Video aufzeichnen dürfe. Er ist Künstler, sagt er, und bringt seinen Fall auf Kunstmessen in Köln, Frankfurt, Brüssel und Venedig zur Sprache. "Verrücktheit ist auch ein Marketingwert." Albrecht sagt es wie jemand, der sich auf dem Schafott über Kopfschmerzen beklagt.

Irrsinn als Marketingkonzept

Er lebt von dem Geld, das er durch einzelne Bilderverkäufe und von seinen Eltern erhält. "Wann wird er verdienen? Wann wird er selbstständig leben können?", fragen sie sich. Und Richter Coeppicus sagt: "Wer so erfolgreich war in der Schule, wie dieser Junge, der wird von niemandem unter Druck gesetzt." Ihm ist unverständlich, warum die Behörden so nachsichtig reagieren. "Das ist abartig, dass der Mann sein Leben noch vor sich hat und geheilt werden könnte und dass seit Monaten nichts geschieht." In der vergangenen Woche wurde er aus seiner Wohnung geholt und einem Psychologen vorgeführt. Er bot an, sich mit ihm zu unterhalten - und ließ ihn gehen, als Albrecht sich abermals weigerte. Es sei ihm lieber, sagt er, eine vermeintliche Psychose zu vermarkten, als sich einer Behandlung zu unterziehen. "Mir wurde eine medikamentöse Therapie angedroht. Das ist beängstigender als die Aussicht, 500.000 Mark bezahlen oder ins Gefängnis zu müssen."

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