Kultur : Marmor, Stein und Elfenbein

Die Sonne des Barock geht auf: In Dresden erstrahlt das rekonstruierte „Grüne Gewölbe“

Bernhard Schulz

Dresdens glanzvolle Wiederauferstehung als europäische Kunstmetropole vollzieht sich in atemberaubenden Schritten. War es im vergangenen Herbst die Einweihung der neuerstandenen Frauenkirche, so im Jahr zuvor die Einrichtung des Neuen Grünen Gewölbes im Residenzschloss, in dem einzelne Pretiosen aus der historischen Schatzkammer je für sich zum Strahlen gebracht werden. 1,2 Millionen Besucher haben diese Abteilung seither gesehen – und das ist erst der Anfang. Am heutigen Freitag steht die feierliche Einweihung des rekonstruierten (alten) Grünen Gewölbes durch Bundeskanzlerin Angela Merkel an; ein Zeichen dafür, welche Bedeutung die Wiedergeburt Dresdens für die nationale Identität besitzt. Bereits jetzt sind 40 000 Eintrittskarten für die neue, alte Attraktion verkauft, sie ist damit auf Monate ausgebucht.

Die Anstrengung, die im Krieg zerstörte barocke Schatzkammer Augusts des Starken denkmalpflegerisch korrekt wiederherzustellen, ist eine Sensation. Dresdens Goldenes Zeitalter ist die augusteische Zeit des 18. Jahrhunderts, des Hoch- und Spätbarock. Und August der Starke tat mit der Einrichtung seiner Schatzkammer einen Schritt in die Zukunft, indem er den Kronschatz nicht länger als Verfügungsmasse für Notzeiten, sondern als dauerhafte Schausammlung einrichten und – eingeschränkt – der Öffentlichkeit zugänglich machen ließ.

Ganz unveräußerlich blieb die Sammlung nicht: Am Ende des von Preußen angezettelten Siebenjährigen Krieges wurden die silbernen Gefäße eingeschmolzen und buchstäblich zu Geld gemacht. Das war denn auch schon die schwerste Einbuße. Der Dresdner Schatz überdauerte die Zeiten, vor allem den Zweiten Weltkrieg und die Mitnahme durch die Rote Armee bis 1958. So ist heute, wenn das Grüne Gewölbe erstmals wieder in seiner ganzen Pracht vor Augen kommt – die Öffentlichkeit hat ab 15. September Zugang – ein Wunderwerk zu bestaunen, das in der Welt nicht seinesgleichen hat.

Eine erste Ahnung davon konnte man Anfang des Jahres in Versailles gewinnen. Ausgerechnet dort, wo August als junger Prinz prägende Eindrücke vom Hof des Sonnenkönigs empfing, stellten die Dresdner Kunstsammlungen aus, was es in Versailles längst nicht mehr gibt. Nach Elbflorenz muss nun reisen, wer den Abglanz barocker Prachtentfaltung erleben will, der damals ein Ziel aller europäischen Fürstenhöfe war. August der Starke konnte sich seinen Traum verwirklichen, in einer lebenslangen Freude am Glitzern der Geschmeide, an Gold und Edelsteinen, an wundersamen Spielereien wie der hundertfältigen Szenerie namens „Thron des Großmoguls“ von 1708, die das Hauptstück des in der Etage über dem historischen gelegenen Neuen Grünen Gewölbes bildet. Die beiden Abteilungen ließ sich Sachsen 45 Millionen Euro kosten; knapp fünf Jahre lang wurde gebaut.

Das alte, neuerstandene Gewölbe, so benannt nach den grün gestrichenen Wänden der Renaissance-Zeit, ist etwas ganz eigenes – kein Museum, sondern ein Gesamtkunstwerk. Acht Prunkräume bilden seit 1729 eine wohlüberlegte Folge von Inszenierungen, in denen sich Materialität und Farbigkeit der Raumgestaltung und die darin eingepassten – jetzt noch 3000 Objekte – gegenseitig steigern.

Nach dem architektonisch zurückhaltenden Bernsteinkabinett, das nicht zur originalen Raumfolge zählt, beginnt mit dem Elfenbeinzimmer die Reihe der rekonstruierten Räume. Dem Befund gemäß wurde wiederhergestellt, was gesichert war: Immerhin fünf Räume hatten den Feuersturm des 13. Februar 1945 dank meterdicken Mauerwerks leidlich überstanden. Die anderen drei mussten nachgeschaffen werden. Das Gestaltungsprinzip ist jedoch dasselbe: Tische und über die ganze Wand in symmetrischem Rhythmus verteilte Konsolen tragen die Objekte, die entweder mit der Farbe der rückwärtigen Wände korrespondieren oder von Spiegeln gedoppelt werden. So schimmert das gedrechselte Elfenbein der Humpen und Pokale vor rotbraun bemaltem Dekor nach Art von Marmor „zwölfferley Sorten“, wie der Hoflackierer 1729 festhielt. Im anschließenden Weißsilberzimmer hingegen leuchtet kräftiges Rot, das die um Nautilusschalen und Perlmuttarbeiten ergänzten Bestände plastisch hervortreten lässt. Im silbervergoldeten Zimmer rahmt Lindgrün die geschwungenen Spiegel – und zeigt etliche leere Konsolen, die auf die Verluste des Jahres 1772 deuten.

Den Höhepunkt des Rundgangs markiert der in der stadtseitigen Nordwestecke des Schlosses gelegene, 212 Quadratmeter große Pretiosensaal mit seinem wundersamen, beinahe geschlossenen Eckkabinett. Bereits 1550 wurde der gewölbte Saal von italienischen Meistern mit einer feinlinigen Stuckdecke versehen, die jetzt erneut den lichten Abschluss über der Farbpracht der Wandgestaltungen bildet. Alle Arten von Schmuckstücken, aus Bergkristall, Edelsteinen oder vergoldetem Silber heben sich vor den durchgehenden, grün und gold gefassten Spiegelwänden ab. Nochmals gesteigert ist diese „Enträumlichung“ des Raumes im Eckkabinett, das 170 Kleinfiguren einander zur unendlichen Rundumspiegelung entgegenwirft.

Das folgende Wappenzimmer bildet einen ruhigen Kontrapunkt, ehe das überreich in Rot-Blau-Gold dekorierte Juwelenzimmer mit der Sammlung der kurfürstlich-königlichen Juwelengarnituren nochmals die Augenlust der augusteischen Zeit vermittelt. Es wimmelt nur so von Brillanten, Rubinen und Smaragden, und all diese Gehänge, Gürtelschnallen und Zierdegen folgen keinem anderen Zweck, als die ihnen einverleibten Edelsteine funkelnd zur Geltung zu bringen. Den Gipfelpunkt dieser stets symbolpolitischen Prunkentfaltung indes stellt der „Obeliscus Augustalis“ dar, ein über zwei Meter hohes Herrschermonument von 1722, mit dem sich August bewusst als sächsischer Roi soleil und zugleich als „neuer Augustus“ inszeniert. Von vorneherein war diese Arbeit des berühmten Hofjuweliers Johann Melchior Dinglinger – der auch die Szenerie des „Großmoguls“ schuf – auf öffentliche Wirkung angelegt: Erst die Spiegelung macht aus dem wandgebundenen Obelisk ein vollplastisches Werk. Reales Objekt und gespiegelte Illusion verfließen ineinander, wie das ganze Grüne Gewölbe einen Triumph der Illusionskunst darstellt.

Mit der Neuschöpfung des historischen Grünen Gewölbes ist das Äußerste erreicht, was originalgetreue Rekonstruktion überhaupt vermag. Noch aus kleinsten Splittern der kriegsversehrten Räume wurde die Kenntnis des originalen Zustands gewonnen. Nirgends sonst ist der Barock in seiner ungebändigten Sinnenfreude so greifbar wie im Grünem Gewölbe. Dresden wird nun noch selbstverliebter im Abglanz seiner besten Zeit strahlen – und sich hoffentlich bewusst bleiben, dass es bei allem frischen Schein doch Abglanz bleibt.

Dresden, Residenzschloss. Ab 15. September Mi bis Mo 10-19 Uhr. Zeitkarten über www.skd-dresden.de, Restkarten jeweils am Vortag ab 14 Uhr an der Tageskasse. – Katalog im Deutschen Kunstverlag, 180 S., auch im Buchhandel 24,90 €.

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