Martha Argerich im Boulez Saal : Die Verführungskraft der ersten Stunde

Martha Argerich ist Stammgast bei Barenboims österlichen Festtagen - und das zu Recht. Zusammen spielen sie Mozart, Schumann und Liszt im Pierre Boulez Saal.

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Die argentinische Pianistin Martha Argerich, 75.
Die argentinische Pianistin Martha Argerich, 75.Foto: dpa

Die relativ spät aufgeblühte künstlerische Partnerschaft zwischen Martha Argerich und Daniel Barenboim, die sich seit ihrer Kindheit in Argentinien kennen, kann man bereits jetzt legendär nennen. Argerich ist inzwischen Stammgast bei Barenboims österlichen Festtagen in Berlin, auch im kommenden Jahr wird sie wieder dabei sein. Beide treten seit den 90er Jahren überall auf der Welt als Klavierduo auf. Im Pierre Boulez Saal haben sie jetzt Kompositionen von Mozart, Schumann und Liszt gespielt, sowohl an zwei Flügeln als auch vierhändig.

Erwartungsgemäß sitzen die bereits vor einigen Tagen anlässlich der Festtage in der Philharmonie aufgeführten Stücke besser. Mozarts D-Dur Sonate führt reizvoll die so unterschiedlichen und doch miteinander vertrauten Künstlertemperamente vor Ohren: Barenboim artikuliert impulsiver und markanter, bei Argerich kommt alles aus dem Fluss; unvergleichlich ihre Temporückungen auf engstem Raum. Weniger inspiriert wirkt die F-Dur Sonate für Klavier zu vier Händen, sicherlich nicht eines von Mozarts besten Werken, die etwas ereignislos und routiniert vorbeizieht. Ganz verschenkt sind an diesem Abend Schumanns „Studien für den Pedalflügel“ in der Bearbeitung von Debussy. An einem Wendepunkt seiner Laufbahn gelang dem Komponisten hier eine ungewöhnliche Synthese aus Poesie und (kontrapunktischer) Formstrenge. Das erste Stück klingt vernebelt, das letzte – in dem die introvertierte Hymnik der spätesten Schumannwerke vorweggenommen wird – geht gerade Barenboim zu robust an. Mit einer so unentschiedenen Interpretation wird man niemanden von dieser fragilen Musik überzeugen.

Die zum effektvollen Abschluss aufgeführte Don Giovanni-Paraphrase „Réminiscences de Don Juan“ von Franz Liszt beginnt grandios mit einer ganz eigenwilligen Verarbeitung der Komtur- und Höllenfahrtthematik und geht ziemlich leer, dafür umso lauter zu Ende. In diesem Fall hat Barenboim seiner Künstlerfreundin den virtuoseren Part überlassen. Argerich zeigt glitzernde Klangkaskaden und entlockt der eigentlich abgespielten „Reich mir die Hand“-Melodie noch einmal die Verführungskraft der ersten Stunde. Man hat insgesamt sicher beglückendere gemeinsame Auftritte der beiden Künstler erlebt. Das dennoch und zu Recht begeisterte Publikum beschenken Argerich und Barenboim mit Zugaben von Debussy und Tschaikowsky.

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