Martin Pollack : "Der Kaiser von Amerika"

In seinem Buch "Der Kaiser von Amerika" schaut Martin Pollack auf die Hunderttausenden, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Enge und der Armut Ostgalizien entzogen und sich zur Emigration entschieden.

Sebastian Bickerich

Die Erde in Ostgalizien sei „schwarz und saftig“ und sehe immer etwas schläfrig aus, „wie eine riesige, fette Kuh, die dasteht und sich gutmütig melken lässt“, hat der Schauspieler Alexander Granach in seinem Buch „Da geht ein Mensch“ geschrieben. Dass das eine schwelgerische Erinnerung an das alte, bettelarme K.u.K-Kronland ist, wusste Granach ebenso wie die vielen anderen großen Literaten und Künstler, die der östliche Landstrich der Habsburgermonarchie hervorgebracht hat. Karl Emil Franzos, Joseph Roth oder auch Rose Ausländer, die aus der benachbarten Bukowina kam: Sie alle wurden zu Buchhaltern des Verlusts, die ihrer bedrohten Heimat literarische Denkmäler errichteten, bevor Hitlers Schergen dem Vielvölkergemisch und der Schtetl-Kultur ein Ende machten. Und zu Buchhaltern der unerträglichen Armut, gegen die sich Polen, Ukrainer, Juden, Deutsche gemeinsam oder getrennt stemmten, gegen die Willkür der Großgrundbesitzer und absurde religiöse Moralvorstellungen und gegen das Gefühl von Provinz – in einer Gegend, wo Industrialisierung und Moderne auch Ende des 19. Jahrhunderts noch lange auf sich warten ließen.

Wenn heute aus der Gegend um Lemberg wieder Ukrainerinnen und Ukrainer nach Westen aufbrechen, freiwillig oder unfreiwillig, um sich als Altenpfleger, Schwarzarbeiter oder Huren zu verdingen, werden Erinnerungen wach an die Zeit, als aus keiner Gegend in Europa mehr Menschen auswanderten als eben aus Galizien. In seinem Buch „Der Kaiser von Amerika“ schaut Martin Pollack auf die Hunderttausenden, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Enge und der Armut des Landes entzogen und sich von den Versprechungen der Anwerber großer deutscher Reedereien nach einem besseren Leben zur Emigration nach Amerika, Brasilien oder Kanada entschieden.

Pollack erzählt nicht die üblichen Erfolgsgeschichten von modernen Auswanderern, die ihr Glück suchen und finden. „Mit Idealismus und Romantik hat die Auswanderung aus Galizien wenig zu tun“, schreibt er, „sie wird genährt von Elend und Not und dem Glauben, das Leben müsse überall besser sein als zu Hause. In Amerika ist die Nacht besser als der Tag in Galizien, heißt es.“ Pollack nimmt den frühen Menschenhandel der Neuzeit in den Blick. Er erzählt von ganzen Heerscharen von Agenten, Gaunern und Zutreibern, die in die Dörfer des Kronlandes ausschwärmten, um mit allerlei Versprechungen und oft auch plumpem Betrug nach Menschen suchten, die die Schiffe der meist deutschen Schifffahrtslinien nach Amerika füllen sollten.

Eine ganz besondere Rolle spielte dabei das Städtchen Auschwitz an der Grenze zu Preußen und Russisch-Polen. „Oswiecim, Auschwitz. Über die Hälfte der Bewohner sind Juden, sie nennen ihre Stadt Oschpitzin. Die einstige Hauptstadt des Herzogtums Oswiecim-Zator entwickelt sich dank ihrer Lage zu einem wichtigen Sammelzentrum und Umschlagplatz für die große Wanderung von Osten nach Westen … Die Emigranten sammeln sich in der zwei Kilometer vor der Stadt liegenden Gemeinde Brzezinka, zu deutsch Birkenau, wo sich der Bahnhof von Oswiecim befindet: ukrainische und polnische Bauern und Häusler, Gesinde großer Gutshäuser und Tagelöhner, slowakische Dörfler und Hirten, galizische und russische Juden, kleine Handwerker und Händler, unstete Existenzen ohne nennenswerten Beruf. Deserteure, Gauner, steckbrieflich gesuchte Personen – in Amerika sind sie vor dem Zugriff des Gesetzes sicher“, schreibt Pollack. Namhafte Schifffahrtslinien wie die Norddeutsche Lloyd oder die Hapag unterhielten in Oswiecim Agenturen; diese beschäftigen im ganzen Land sogenannte Winkelagenten, deren Aufgabe darin bestand, ihnen Auswanderer zuzuführen. Die Agenten kassierten für jeden angeworbenen Amerikafahrer ein Kopfgeld.

Zutreiber brachten die Auswanderer direkt vom Bahnsteig in Birkenau zu den Agenturen. Denn selbst wenn sie in ihren Heimatorten schon von anderen Winkelagenten überteuerte Karten gekauft hatten, wurden die ihnen von korrupten Zollbeamten wieder abgenommen – meist mitsamt all ihres Hab und Guts. In den Hochglanzchroniken der später zur Hapag-Lloyd fusionierten Gesellschaft findet sich über diese Praxis kein Wort. Dabei füllen die abstrusen Geschichten, mit denen die Agenten arme, ungebildete Bauern zu teuren Schiffspassagen verhelfen wollten, schon damals die Zeitungen – aber auch die Gerichtsakten, aus denen Pollack zitiert. Vor allem die polnischen Großgrundbesitzer in Galizien fürchteten nämlich um ihre Existenz, weil ihnen die billigen Landarbeiter auszugehen drohten, und verlangten Sanktionen. Zaghaft nahmen die habsburgischen Behörden Ermittlungen auf; die Betrügereien gingen derweil weiter.

Beim Verkauf von Schiffskarten etwa bedienten sich die Agenten gern eines „Telegraphen“, schreibt Pollack, einer gewöhnlichen, blechernen Weckuhr, die der sogenannte ,Schiffsdirektor’ bedient: „Der ,Schiffsdirektor’ zieht den Wecker auf und lässt ihn läuten, damit stellt er angeblich die ,telegraphische Verbindung’ nach Hamburg oder Amerika her. Zuerst erkundigt er sich, ob noch Platz auf dem Schiff sei. Dann wird der Wecker erneut aufgezogen und die Antwort entgegengenommen. Für jedes derartige ,Telegramm’ muss der Auswanderer vier bis sechs Gulden berappen … Am Ende kommt der ,Kaiser von Amerika’ ins Spiel, bei dem man, ebenfalls mithilfe des blechernen Weckers, anfragt, ob er so gnädig sei, den neuen Untertanen in seinem Reich aufzunehmen.“ Andere Agenten entfachten in den kleinen Schtetln Galiziens ein „brasilianisches Fieber“: So habe der Zar aus Rom den Befehl enthalten, seine Polen übers Meer zu schicken, um unter den Wilden den wahren Glauben zu verbreiten. In Bremen würden sie vom Zaren alle Reisekosten ersetzt bekommen. Tausende Menschen wurden auf diese Weise – aller Ersparnisse erleichtert – auf Plantagen der Großgrundbesitzer geschickt und starben dort wie die Fliegen; auf „Milchbäume“, wie ihnen geheißen, trafen sie dabei nicht.

Pollack, dem gerade der Leipziger Buchpreis zuerkannt wurde, schafft es meisterlich, den Leser mittels Gerichtsakten, Zeitungsartikeln und Recherchen vor Ort auf eine packende Wanderung durch historische, längst vergessene Landschaften mitzunehmen. Auf ein moralisierendes Nachwort verzichtet er; der Leser wird es ihm danken. Sind doch die Parallelen zur Neuzeit, zu den ewigen Verlierern, die ein besseres Leben suchen, und den ewigen Gewinnern, die aus der Not der anderen Profit schlagen, ganz offenkundig. So bleiben einem auch Alexander Granachs Worte von der Erde des Kronlands nachträglich im Halse stecken. „Dankbar und vertausendfacht“, schreibt er, schenke sie „alles zurück, was man in sie hineintut“.



Martin Pollack: Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien. Zsolnay Verlag, Wien 2010. 283 Seiten, 19,90 Euro.

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