Matthias Deutschmann : Die Grünen kommen, die Party ist vorbei

Kabarettist Matthias Deutschmann engagiert sich auch politisch. Im Interview spricht er über seinen Wahlkampf in Baden-Württemberg, Wechselstimmung und schwierige Pointen.

Nur mit Cello. Mit dem Instrument setzt Matthias Deutschmann Kontrapunkte zu seinen Texten.
Nur mit Cello. Mit dem Instrument setzt Matthias Deutschmann Kontrapunkte zu seinen Texten.Foto: promo

Herr Deutschmann, wie betrunken waren Sie am Abend des 27. März?

Die Alkoholzufuhr hielt sich in Grenzen. Ich war glücklich, aber sehr müde. Mein privater Wahlkampf war anstrengend, außerdem hatte ich gerade die Premiere meines Programms hinter mir. Ich bin früh nach Hause, hab mir noch das vorläufige Endergebnis angeschaut und bin dann ins Bett. Bei den ersten Hochrechnungen habe ich noch gezittert und an Stoiber gedacht. Der musste 2002 ja den Sekt zurück in die Flasche schütten.

Sie haben in Freiburg die Kampagne „Abwählen gehen“ organisiert. Deren Plakate stellen die Köpfe der Ministerpräsidenten Teufel, Oettinger und Mappus wie die von Marx, Engels und Lenin nebeneinander. Dazu der Slogan: „Wir können alles, außer Demokratie.“
So habe ich die CDU in Baden-Württemberg erlebt, die kamen mir vor wie ein überaltertes, müde gewordenes Politbüro. Ich habe bei einer Kundgebung in Stuttgart gesagt: Herr Mappus hat in etwa die Beliebtheit von Egon Krenz. Gregor Gysi stand in der ersten Reihe und lächelte etwas gequält.

Was hat Sie dazu bewegt, auf Demos zu sprechen? Wollten Sie endlich mal vor großem Publikum auftreten?

Ich habe in Stuttgart zwei Mal vor 30 000 Leuten gesprochen und habe der Versuchung, Kabarett zu machen, widerstanden. Kabarett gelingt nur innerhalb überschaubarer Verhältnisse und wird schon in größeren Hallen schwer. Ich habe einfach versucht, politisch zu argumentieren. Aufgewacht bin ich durch die Eskalation im Schlosspark am 30. September 2010. Normalerweise hat man ein Recht, als Blockierer von der Polizei weggetragen zu werden. Aber die Polizei hat geprügelt und Pfefferspray gespritzt. Das war für mich der Kulturbruch.

Vom Kabarettisten zum Agitator – fiel Ihnen der Wandel leicht?

Die Rolle des Agitators ist mir nicht ganz fremd. Ich bin Ende der 70er Jahre vom politischen Engagement zum Kabarett gekommen. Dabei muss man die Gesetze der Unterhaltung respektieren. Die Argumente mögen noch so gut sein, Leitartikelkabarett will niemand länger als fünf Minuten hören. Aber wenn man vor 30 000 Menschen spricht, wirken ganz andere Kräfte. Alles wird langsamer und schwerer. Ich hatte das Gefühl, ich fahre einen überladenen Dreißigtonner. Die Herausforderung bestand darin, die Masse zu erreichen, ohne populistisch zu sein. Die Versuchung, grob zu werden, ist allerdings groß.

Bei aller Freude über den Wechsel gibt es auch Stimmen, die warnen: „Die Enttäuschung wird kommen.“

Schauen Sie auf die SPD und ihre langsame Reifung zur Regierungspartei. Das ist auch eine Geschichte der Enttäuschungen. Was hat Willy Brandt aus seiner Ankündigung „mehr Demokratie wagen“ machen können? Nicht allzu viel. Politik ist ein mühsamer Prozess, auch die Grünen werden an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen, zumal sie auf den Regierungswechsel nicht vorbereitet sind. Aber wichtig ist doch, dass wir Transparenz gewinnen, dass Leute sich in politische Prozesse einklinken können, dass die Politik nach Gutsherrenart aufhört. Es war überfällig, dass die CDU, die in Baden-Württemberg fast schon Staatspartei war, abgewählt wurde.

Die Grünen in Baden-Württemberg gelten als konservativ. Was ist das eigentlich für ein Verein, vor dem selbst Franz-Josef Wagner keine Angst mehr hat?

Ach, der Wagner, der schlägt ja auch vor, Kachelmann kastrieren zu lassen. Die Grünen sind eine Partei auf dem Marsch in die Mitte der Gesellschaft. Es gibt den schönen Satz von meinem Kollegen Volkmar Staub: „An der Macht sind alle Grünen grau“. Vor 25 Jahren war das eine jugendliche Warnung. Jetzt ist der Ernstfall da. Gut, Herr Kretschmann ist grau. Er lässt sich nicht die Haare färben und er spricht nicht schneller als er denkt. Bei mir hat der Mann Kredit.

Was wünschen Sie der alten CDU?

Eine geruhsame Zeit der kulturellen Aufbereitung im politischen Abklingbecken. Aber auch die SPD hätte jetzt mal die Chance, aus ihrer Rolle einer total langweiligen und frustrierten Opposition rauszukommen. Der Stuttgarter Landtag ist degeneriert zu einer Frankiermaschine für Regierungsbeschlüsse, die Debattenkultur ist vollkommen erloschen. Die CDU hatte eine Arroganz entwickelt, die darin gipfelte, dass der Innenminister sagte: „Kostenexplosion bei Stuttgart 21? Versailles ist auch teurer geworden als geplant.“ Er hat nicht bedacht, dass Versailles der Anfang vom Ende war.

Sind Sie eigentlich Mitglied einer Partei?

Nein. Ich war als 15-Jähriger in der Jungen Union. Wir waren umgezogen, nach Emmendingen bei Freiburg, das war 1973. Bei einem Tanztee habe ich ein Mädchen kennengelernt. Als ich fragte, wo ich sie wiedersehen könne, sagte sie: Bei der JU. Meine Mitgliedschaft hat dann vor sich hin gedöst, ich war längst woanders: im selbst verwalteten Jugendzentrum, auf Demos gegen das Atomkraftwerk in Wyhl. Als Heinrich Lummer 1976 für eine CDU-Veranstaltung in die Gegend kam, fragte er: „So, wer will eintreten?“ Ich bin nach vorne gegangen, Parteibuch in der Hand, und habe gesagt: „Ich will austreten.“

Ab Donnerstag treten Sie in Berlin auf. Welches Personal spielt in Ihrem neuen Programm eine Rolle?

Natürlich die üblichen Verdächtigen. Reichlich Heiner Geißler, ein bisschen Merkel und der Außenminister im Zerfallsprozess der FDP. Wichtiger ist mir aber das Gefühl, dass jetzt eine neue Zeit begonnen hat. Die Party ist vorbei. Nehmen Sie die Love Parade. Den Anfang habe ich auf dem Ku’damm gesehen, das war der Versuch, den Karneval nach Berlin zu bringen, naja, der Versuch ist nicht strafbar. Aber ein paar Jahre später? Eine Million Menschen, 250 000 Liter Urin im Tiergarten. Das war der Mainstream. Wer alle erreichen will, muss auf den Sinn verzichten.

Guttenberg kommt nicht vor?

Der Baron der Herzen? Der ist nicht real. Libyen und Ägypten sind real, Fukushima ist real. Guttenberg ist eine Halluzination des Bürgertums, das vom Kaiser träumt. Er hat ja angekündigt, dass er zurückkommt. Und jetzt warten die Leute, wie die Leute im 19. Jahrhundert am Kyffhäuser auf Barbarossa. Guttenberg ist in der Reha. Er wird rehabilitiert werden. Und wenn nicht rehabilitiert, dann eben habilitiert.

Ha, ha.

Ich mache ein Spiel mit den Leuten: Kann man über Guttenberg noch etwas sagen, was die großen Zeitungen noch nicht formuliert haben? Da sind ganze Bataillone unterwegs, da kann ich als Einzelkämpfer einpacken. Bei Guttenberg ist es mir ein paar Mal so gegangen: Ich finde eine Pointe – „Doktor der Reserve“ –, google sie, und siehe da: Der „Spiegel“ war schneller!

Manchmal liegen die Witze in der Luft.

Ja, ich hätte nie gedacht, dass die Begrüßung: „Ich komme aus Baden-Württemberg“, schon den ersten Applaus gibt. Oder der Satz: „Wir haben bei uns am 27. März die Zeit umgestellt.“ Aber dieser Erfolg ist nicht ganz ungefährlich. 1972, als Willy Brandt wiedergewählt wurde, haben sozialdemokratisch orientierte Kabaretts wie das Düsseldorfer Kom(m)ödchen oder die Lach- & Schießgesellschaft in München erst mal drei Jahre Pause gemacht. Sie wähnten sich am Ziel – und waren am Ende.

Der Titel Ihres Programms, „Deutsche, wollt ihr ewig leben“, bezieht sich auf Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, passt aber auch zu aktuelleren Untergangsängsten.

Mein Publikum hat von Sarrazin gehört, niemand hat sein Buch gelesen, ich bin der Einzige. Ich habe es sogar exzerpiert, unter anderem den grandiosen Satz von den nordamerikanischen Indianern, die im 18. Jahrhundert eine verfehlte Einwanderungspolitik betrieben hätten.

So was nimmt dem Kabarettisten viel Arbeit ab. Gibt es etwas, über das Sie keine Witze machen?

Ich mache keine Witze über Fukushima. Man kann höchstens versuchen, die Ahnungslosigkeit einzufangen. Da passiert ein GAU, und was macht der Betreiber? Er ruft die Feuerwehr. Fürchterlich. Ich habe Tschernobyl erlebt, ich habe Fukushima erlebt. Die Atomindustrie hat immer gesagt: Einen Super-GAU gibt es nur alle 20 000 Jahre. Da kann ich nur sagen: Die Zeit ist schnell vergangen.

Das Gespräch führte Jan Oberländer.

Matthias Deutschmann wurde 1958 im Westerwald geboren. 1980 begann er mit Studentenkabarett, seit 1985 tritt er solo auf, unter anderem schrieb er Texte für das Kom(m)ödchen in Düsseldorf. Sein neues Programm „Deutsche, wollt ihr ewig leben“ entwickelte er Anfang 2011, seither hat er schon mehr als die Hälfte des Inhalts ausgetauscht – es passiert einfach zu viel. Der ehemalige Schach-Bundesligaspieler lebt mit seiner Frau und seinem sechsjährigen Sohn in Freiburg im Breisgau.

Heute und am Samstag spielt Matthias Deutschmann bei den Wühlmäusen am Theo (Pommernallee 2–4, Charlottenburg). Beginn ist jeweils um 20 Uhr, Karten kosten ab 22 Euro.

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