Matthies meint : Wächter in der spaßbefreiten Zone

Wie der österreichische Künstler Manfred Kielnhofer mit einer Guerilla-Taktik in die spaßbefreite Zone der Documenta in Kassel eindringt. Eine Glosse.

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Drei "Wächter der Zeit" stehen vor dem Schloss Wilhelmshöhe. Wenig später entfernten die Macher der Documenta die Figuren wieder.
Drei "Wächter der Zeit" stehen vor dem Schloss Wilhelmshöhe. Wenig später entfernten die Macher der Documenta die Figuren wieder.Foto: dpa

Jetzt wird die „Documenta“ offenbar doch noch ein bisschen lustig. Bislang war nach der Eröffnung nur noch wenig zu hören von dieser straff antikapitalistischen, vom Kapitalismus mit 20 Millionen Euro großzügig geförderten Erbauungs- und Belehrungsschau – nun aber redet die Szene plötzlich wieder drüber.

Und das liegt daran, dass der österreichische Künstler Manfred Kielnhofer mit einer Guerilla-Taktik in die spaßbefreite Zone an der Karlsaue eindringt. Bei Nacht hat er dort mehrmals drei riesige Statuen aufbauen lassen, die „Wächter der Zeit“, eine Art stilisierte Plastikmönche, und er weidet sich anschließend an der pikierten Reaktion der Offiziellen, die die Dinger umgehend wegräumen und einlagern lassen.

Seine Äußerungen sind etwas wirr – er ist offenbar kein bezahlter Vollstrecker des wölfischen Neoliberalismus, der die Schau der empörten Weltenretter dem Hohn eben dieser Welt preisgibt. Stattdessen raunt er schlicht, die ganze Documenta drehe sich nur um Geld und Macht, und das gefalle ihm nicht. Allerdings ist schon vielen anderen Rezensenten ein hochgradiger Mangel an aktueller Kunst in Kassel aufgefallen, möglicherweise meint er den?

Die Besucher fragen inzwischen nach den Wächtern

Nun ist es so, dass ja jeder ein Künstler ist, der dies auch sein will. Die schluffigen „Wächter der Zeit“ sind Kunst allenfalls im weitesten Sinn, der auch Buddy-Bären und anderes großformatiges Dekorationsgemüse zu Kunst erhebt, weil die so nett ist, keine Unterlassungsklagen anzustrengen; gerade Berlin hat immer wieder ein großes Herz für Nervensägen gezeigt, die irgendwas Dussliges in Epoxidharz gießen und dafür mit der Stadt und ihren Oberen kuscheln wollen.

Aber im Kontrast zum heiligen Ernst der Documenta entfalten diese Figuren plötzlich ein wunderbares Eigenleben. Die Besucher kämpfen weniger darum, den offiziellen Exponaten den Lehrstoff abzuringen, sondern sie fragen danach, was denn mit den Wächtern sei. Das müsste eigentlich allen gefallen, die das Subversive in der Kunst loben, die Abwesenheit konkreter Bedeutung, das Spielerische und Unlogische.

Moment: Das könnte Absicht sein, ein kühner Plan der Documenta, das mühsam erbaute Image in die Pfanne zu hauen. „Wir sind nicht so grau!“, könnte die Aktion signalisieren, „wir strotzen vor Selbstironie“. Könnte. Eventuell. Falls nicht: Auch in Berlin sind noch ein paar Plätze frei, an denen alberne Mönche die Stimmung lockern könnten. Herr Kielnhofer, übernehmen Sie!

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