Mauermahnmal : Rennstrecke des Erinnerns

Der Ausbau der Berliner Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße ist Unfug. Eine Polemik

Dieter Hoffmann-Axthelm

Der deutsche Gedenk- und Mahnmalwahn galoppiert. Warum nicht auch die Kosten? Neun Millionen Mehrkosten sind gerade beim Gedenkkonzept Berliner Mauer angekündigt worden. Das wäre – an Kostensteigerungen bei öffentlichen Bauvorhaben ist man gewöhnt – keine weitere Diskussion wert, wenn es sich um ein rundum vernünftiges Vorhaben handelte. Das ist nicht der Fall.

Nicht, dass gegen die bessere Kennzeichnung des Mauerverlaufs viel einzuwenden wäre oder dagegen, dass der Senat, herausgefordert durch die Mauerkreuze der Frau Hildebrandt am Checkpoint Charly, Flagge zeigt. Problematisch ist jedoch, was an und mit der Bernauer Straße geschieht. Dort liegt der Schwerpunkt des Konzepts, dort fällt das Gros der Mehrkosten an. Worum geht es also?

Einen objektiven Bedarf an der Bernauer Straße gibt es nicht. Eine eindrucksvolle Gedenkstätte ist dort längst vorhanden, als Ergebnis langer Diskussionen in den neunziger Jahren. Ist sie schon überholt oder zu mickrig? Keineswegs. Das Ensemble aus echter Mauer auf dem Gelände des Sophienfriedhofs an der Südseite der Straße und Mauermuseum samt Aussichtsturm auf der ehemals West-Berliner Nordseite, Ecke Ackerstraße, ist alles andere als kleinlich ausgefallen und wird von Touristen sehr gut angenommen. Wenige Schritte weiter östlich, auf dem Abschnitt zwischen Acker- und Strelitzer Straße, gibt es zudem das Grundstück der Versöhnungsgemeinde mit der neuen Versöhnungskapelle, ein kirchliches, von vielen Menschen getragenes Gedenkgelände, das mit seinen Skulpturen und dem jährlich eingesäten und abgeernteten Weizenfeld nicht minder eindrucksvoll auf den historischen Bruch der Mauer hinweist.

Es gibt also keinen Grund, warum dieses durchaus geglückte Unternehmen nun, unter Millionenaufwand, zu einer Open Air-Ausstellung von ein bis anderthalb Kilometer Länge aufgeblasen werden sollte. Hinter dieser Rennstrecke des Gedenkens steht kein gedenkpolitisches Bedürfnis. Es hat vielmehr eine lokale Wurzel: Seit 1991 gibt es bei Bewohnern auf der Ost-Berliner Seite die Vorstellung, der Grenzstreifen solle als Grünfläche und Geschichtspark erhalten bleiben. Dabei mischt sich das fast überall im Mauerbereich lebendige Ressentiment gegen die unbekannte andere Seite mit dem üblichen Bürgerwunsch nach dem Park vor der eigenen Haustür. Es war Thomas Flierl, der damalige Kultursenator, der im April 2005 nach der durch Frau Hildebrandts Mauerkreuze geschaffenen Verlegenheit handstreichartig das gesamte Mauergelände zwischen Gartenstraße und Brunnenstraße zur Gedenkmeile erklärte. Der Senat hat sich bereitwillig in diese Falle locken lassen.

Warum nicht? Berlin ist groß genug, um das zu verkraften. Was dem Holocaustmahnmal recht ist, mag dem Mauergedenken billig sein. Doch jedem, der sich zur Bernauer Straße begibt, wird sofort auffallen: Die Straße ist über ihre gesamte Länge frisch ausgebaut und wird nun von der verlängerten Straßenbahnlinie M 10 befahren, die einmal am Lehrter Bahnhof ankommen soll. Eine gewaltige Investition des Landes Berlin, ein verkehrspolitisches Glanzlicht. Und eine erhebliche Wertsteigerung für die anliegenden Grundstücke und Wohnbereiche. Dieses erreicht, hat der Senat nun jedoch nichts Besseres zu tun, als den Wiederaufbau restituierter DDR-Mauergrundstücke zu stoppen (im Fall Ackerstraße 42 schon nach erteilter Baugenehmigung und ersten bauvorbereitenden Maßnahmen). Die Gedenkpolitik verurteilt den Mauerstreifen somit dazu, Niemandsland zu bleiben. Ein Schildbürgerstreich.

In einer Stadt wie Berlin, wo man permanent Wirtschaftspolitik mit Kulturwissenschaft verwechselt, fällt das vermutlich nicht einmal auf. Dabei geht es um Selbstverständlichkeiten: Stadtflächen sind nicht gratis. Auf ihnen lasten, bebaut oder nicht, dauerhaft hohe Infrastrukturkosten – Straßenbau, Kanalisation, Leitungssysteme, Verkehrsregelung, Reinigung. Eine Stadt mit der Schuldenlast Berlins muss sich gut überlegen, wie sie ihre Flächen nutzt. Das gilt im besonderen Maße in Mitte-Nord, kann doch das vom Hackeschen Markt nach Norden sich ausbreitende Wachstum als Berlins größte Erfolgsgeschichte gelten.

Selbst wenn einem das wirtschaftliche Schicksal der Stadt egal sein sollte: Es gibt auch eine soziale Seite des Problems. Die Bernauer Straße war bis 1961 eine normale innerstädtische Straße, erst die Mauer riss Familien, wirtschaftliche, kulturelle und kirchliche Zusammenhänge auseinander. Die West-Berliner Sanierung hat das Gebiet im Sozialmonitoring unter die oberste Dringlichkeitskategorie gestellt: „sehr hohe selektive Mobilität, sehr hohe Arbeitslosigkeit, sehr hohe Sozialhilfedichte“. Nichts wäre wichtiger, als hier einen Brückenschlag zu versuchen vom Mitte-Boom zur Weddinger Stagnation. Die städtebauliche Schließung des Mauerbruchs ist kein Allheilmittel – aber wie viele andere Mittel haben wir?

Beides, die stadtwirtschaftliche Chance und die sozialstrukturelle Wiedergutmachung, müssen nun mit dem Gedenkprojekt gegengerechnet werden. Dabei schneidet das Gedenkprojekt schlecht ab. Da gehen nämlich zwei Dinge durcheinander: Das eine ist die Frage, wie man den ehemaligen Mauerverlauf über die Gesamtstrecke kenntlich macht. Ein Problem der historischen Topografie, das im Prinzip gelöst ist. Das zweite ist das zeittypische Bedürfnis nach Gedenkorten und einer Ritualisierung des Gedenkens – was auf die Schaffung eines bestimmten Ortes hinausläuft, eines Denk- oder Mahnmals oder, wenn es denn sein muss, einer sinnvoll begrenzten Anzahl solcher Orte.

Gewiss ist die Bernauer Straße ein geeigneter Ort. Nirgendwo hatte sich nach dem Mauerbau im August 1961 die Brutalität der Maßnahme so zugespitzt gezeigt. Aber was eine Gedenkstätte leisten kann, das leisten die beiden vorhandenen. Die Ausdehnung zum Freilichtmuseum Berliner Mauer würde dem qualitativ nichts hinzufügen. Die Mauer als ehemaliges Bauwerk zu dokumentieren, ist Aufgabe des anderen Verfahrens, der linear durch die Stadt gehenden, von Pathos freien Mauertopografie.

Überhaupt ist die Quantifizierung des Gedenkens, wie sie das Holocaustmahnmal begonnen hat, ein Irrweg. Man wechselt damit unbemerkt aus der Kategorie Mahnmal/Gedenken in die des inszenierten touristischen Erlebnisses. Es ist nicht einmal gesagt, dass das an der Bernauer Straße auch gelingt. Wildwuchs und Patroullienweg machen nicht viel her. Statt historische Schauer zu erzeugen, wird das Gelände bleiben, was es schon ist: eine Hundeauslaufzone.

Bleibt die Frage, warum die Berliner Politik sich durch ein einerseits inhaltlich so haltloses, stadtstrukturell und stadtwirtschaftlich kontraproduktives Projekt hat fangen lassen. Natürlich wirkt hier noch historische West- wie Ost-Berliner Freiraumromantik nach, der Charme der durch historische Gewalt geschaffenen herrenlosen Räume.

Angesichts der Ziel- und Fantasielosigkeit der derzeitigen Stadtpolitik liegt der Verdacht nahe, dass es bequemer ist, Vergangenheit zu verwalten anstelle komplizierter Gegenwart. Das Projekt der Gedenkmeile Bernauer Straße ist ein weiterer Schritt auf dem Wege, Politik durch Gedenkrituale, Kulturveranstaltungen, Museen und Gute-Laune-Nächte zu ersetzen. Der Stadt tut man damit keinen Gefallen.

Der Autor ist Architekturkritiker, Stadtplaner sowie Redakteur und Mitherausgeber der Zeitschriften „arch+“ und „Ästhetik und Kommunikation“.

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