Maurizio Pollini in Berlin : Auch Legenden lösen nicht alles

Maurizio Pollini, vor über fünfzig Jahren als junges Chopin-Genie berühmt geworden, spielt endlich wieder einmal in der Hauptstadt. Kann er aber beim Berliner Klavierabend auch mit Schumann überzeugen?

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Pollini preisgekrönt: Der legendäre italienische Pianist 2010 in Tokyo.
Pollini preisgekrönt: Der legendäre italienische Pianist 2010 in Tokyo.Foto: dpa

Aber er ist doch eine lebende Legende, sagt eine ältere Dame über Maurizio Pollini, der in der nahezu ausverkauften Philharmonie Schumann und Chopin spielt, und sie sagt es beteuernd und enttäuscht zugleich. Das Legendenhafte springt diesem Klavierabend tatsächlich aus allen Knopflöchern. Die Philharmonie ist bevölkert von Hörerinnen und Hörern, die auf geradezu greifbare Weise Erinnerungen mit dem italienischen Pianisten verbinden und Erwartungen an ihn hegen. Pollini, der 1960 als junges Chopin-Genie die Klavierwelt eroberte und nun mit vorgebeugtem Oberkörper auf die Bühne zieht, löst diese Erwartungen auch ein. Die Vertrautheit mit dem Repertoire ist ihm sofort anzuhören, die einstmalige Anschlagskunst scheint hinter den Leggerissimo-Passagen bei Chopin ebenso auf wie hinter der eigentümlichen Komplexität der Schumannschen Polyphonie. Noch immer leuchten Töne und glitzern Läufe, noch immer beherrscht er das alte Rubato-Spiel von Anziehen und Abfedern. Zugleich aber mischt sich Wurschtigkeit in seine Interpretation. Der 1942 Geborene schüttelt die Stücke auf eine Weise aus dem Ärmel, wie man sie in diesem Alter zwar ebenfalls gerne aus dem Ärmel schütteln würde. Aber vielleicht nicht gerade im großen Saal der Philharmonie.

Pollini und Schumanns ungelöste Knoten

Chopins Barcarolle op. 60 oder das zugegebene Nocturne Des-Dur scheinen es dabei noch zu verkraften, dass Genauigkeit und Seele fehlen; die Aufführungsgeschichte hat diese Musik oft mit dem Anschein des plätschernd Vorüberziehenden versehen. Doch Schumanns satztechnisch filigrane, emotional hochbewegte „Kreisleriana“ verträgt solchen Gleichmut nicht, weder in technischer noch in interpretatorischer Hinsicht.

Die Stärke der Affekte geht verloren, polyphone Stellen zumal in den unteren Registern verklumpen, nur andeutungsweise zeigt Pollini, wie schön es wäre, die Arabeske op. 18 von ihren ersten Vorhaltstönen aus zu deuten – als Knoten über Knoten, die sich auf betörende Weise lösen lassen. Gleichwohl lässt auch dieser Abend aufhorchen. Man begreift, warum Schumann so selten aufgeführt wird, hört, dass dessen Miniatur „Der Dichter spricht“ in die größeren Klavierwerke Einzug gehalten hat (oder umgekehrt). Und hat noch mehr Respekt vor dem Chopinschen Konstruktionsprinzip der ewig wiederholten Bassfigur, das stets zu immer mehr Erfindungsreichtum für die rechte Hand führt.

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