Kultur : Mausnahmezustand

Jedem Horror wohnt ein Anfang inne: „Batman Begins“ von Christopher Nolan im Kino

Sebastian Handke

Superhelden sind Figuren des Vertrauens. Sie könnten die Welt aus den Angeln heben, Revolutionen auslösen, den Kapitalismus überwinden. Doch sie tun nie mehr, als die bestehende Ordnung von Störern zu säubern und Albträume zu vertreiben. Nur Batman ist aus anderem Leder: Er tritt nämlich selbst als Albtraum in Erscheinung. Liebäugelt mit dem Bösen, muss nicht zum Jagen getragen werden, hat Lust auf die Schlacht. Sein Wahlspruch könnte lauten: „Trage die Furcht ins Herz deiner Feinde.“

Bei Batman im Kino kam man bisher allerdings ohne großen Schrecken davon. Tim Burtons surreale Noir-Märchen und Joel Schumachers Selbstparodien sind spektakuläre Schurken-Paraden mit Fledermausbeigabe. Jetzt wagt Christopher Nolan den Neustart und konzentriert sich ganz auf den dunklen Ritter selbst.

Nolans zeitgenössische Version des film noir, sein Kino der Verwirrung, das sich in „Memento“ und „Insomnia“ zerrissenen Figuren widmete, ist das ideale Medium für die Ursprungsgeschichte des zwielichtigsten aller Superhelden. In „Batman Begins“ erfindet Nolan eine recht prosaische, psychopharmazeutische Mechanik der Angst, die das Erscheinen archetypischer Furchtfratzen erklärt. Diese Mechanik übersetzt er in einfache, aber eindrucksvolle Bilder. Einmal sehen wir Batman für einen Moment nur mit den Augen seiner Feinde: gespreizt zu einer riesigen schwarzen Teufelsilhouette mit rot glühenden Augen – ein apokalyptischer Reiter in der Hölle von Gotham. Nolan wartet mit einer ganzen Reihe solcher Angstbilder auf: Manifestationen der Furcht.

Bob Kane schuf „The Bat-Man“ bereits 1939: als gewalttätigen Rächer, der eine Pistole trug und seine Feinde öfter tot zurückließ als lebend – ein Held ohne Superkraft und eine Gegenfigur zum sauberen Superman. Nach dem Krieg hellte sich sein Charakter zwar auf, und in den 60ern wurde er durch vorsätzliche Selbstüberbietung gar zum grellen Pophelden. Doch Frank Miller („Sin City“) machte Batman 1986 in seinem finsterem Epos „Der dunkle Ritter kehrt zurück“ wieder zum einsamen Outlaw. Später legte Miller noch „Batman: Year One“ nach, eine Neuerzählung seines Werdegangs. Darauf beruht im Wesentlichen auch „Batman Begins“.

Bruce Wayne (Christian Bale) ist noch ein Kind, als er mit ansehen muss, wie seine Eltern auf offener Strasse erschossen werden. Schuld, Furcht und Wut treiben den jungen Mann auf ausgedehnte Rundfahrten in die dunkelsten Winkel der Welt. Ducard (Liam Neeson) findet den Sonderling, der nicht weiß, wohin mit der negativen Energie, und nimmt ihn zu sich und zur „Liga der Schatten“ – einem faschistisch-buddhistischen Geheimbund gegen westliche Dekadenz, der bereits Rom und Konstantinopel zu Fall gebracht hat. Doch beim Konzept der Verbrechensprävention sind Wayne und die Liga sich nicht ganz einig. Er kehrt nach Gotham zurück, lässt sich von Lucius Fox (Morgan Freeman) zur Kampffledermaus hochrüsten und lehrt fortan jene, die dort Furcht verbreiten, selbst das Fürchten.

„Batman Begins“ ist das Gegenstück zu den verspielten, überdrehten Batman-Filmen der Neunziger. Er ist schnell, dunkel und schmutzig, so realistisch, wie ein Comicstrip sein kann. Der Entwicklung seines Helden widmet er viel Aufmerksamkeit, ohne wie „Spiderman 2“ die Grenze zur Psycho-Schnulze auch nur zu streifen. Doch so sorgfältig der Film seinen Helden auch zeichnet, so dramatisch bricht er gegen Ende wieder ein. Selten werden dem Zuschauer die Kompromisse, die einem begabten Regisseur abverlangt werden, wenn er sich mit großen Studios einlässt, deutlicher vorgeführt. Explodierende Feuerbälle, entgleisende Züge, deplatzierte Autojagden: lauter Konzessionen an das junge, männliche Publikum, das sich angeblich nur so ins Kino locken lässt. Gelingen wird das kaum, denn Nolan ist alles andere als ein Action-Regisseur.

Getöse und Gedöns sind ohnehin Batmans Sache nicht. Bis zum verunglückten Finale führt Nolan ihn daher auch anders vor: als lautloses Nachtgeschöpf, das aus dem Schatten heraus blitzartig zuschlägt. Konsequent nähert sich der Film dem einzig angemessenem Genre: dem Horrorfilm. Batmans erster Auftritt am Hafen, in dem er einen Schurken nach dem anderen aus dem Spiel nimmt, ist fast ein „Alien“-Zitat. Später brechen die Insassen des Arkham-Asylums aus und fluten die Straßen wie eine Horde von Zombies. Die Angst dampft aus dem Untergrund, sie wird buchstäblich inhaliert und Gotham verwandelt sich in eine albträumende Stadt.

„Theatralik und Täuschung sind wirksame Mittel, um mehr zu sein als nur ein Mann in den Augen deiner Feinde“, gibt Lehrer Ducard Batman mit auf den Weg. Und der hat verstanden: „Die Menschen brauchen dramatische Exempel, um sie aus ihrer Apathie zu wecken. Als Mann kann ich ignoriert werden, aber ein Symbol ist unsterblich.“ Was die beiden hier umschreiben, ist nichts anderes als die hohe Schule des „shock and awe“, des Terrors. In einigen seiner Comics erscheint Batman daher als moralisch zweifelhafte Figur. Denn was gut ist und was nicht, bleibt seine einsame Entscheidung. „Batman Begins“ aber will ein Film mit Massenappeal sein. So wenig, wie er den Comic endgültig in Horror überführen darf, so wenig kann er der moralischen Ambiguität freien Lauf lassen, die in seiner Figur angelegt ist. Detective Jim Gordon (Gary Oldman), Batmans polizeilicher Verbündeter, nutzt den Cliffhanger am Ende dennoch für einen spitzfindigen Hinweis: Wenn Waffengleichheit mit dem Bösen das Ziel ist, führt das nicht geradewegs in die Eskalation? Noch weiß die Flugmaus dazu nichts zu sagen. Batman ist kein Ordnungshüter, sondern ein Saboteur des Verbrechens, der nur dort wirken kann, wo das Verbrechen die Regel ist und nicht die Ausnahme. Batman – der Superheld des Ausnahmezustands.

In seinen Comic-Aufsätzen von 1964 hat Umberto Eco darauf hingewiesen, wie sehr sich Superhelden in einer Welt bewegen, die zwischen dem archaischen Mythos liegt und dem bürgerlichen Roman. Das aktuelle Bestreben, diese Helden in Filmtrilogien einer Entwicklung zu unterwerfen, ist ein Akt der Entmythisierung. Die Titanen werden endgültig an den Entwicklungsroman abgetreten. „Batman Begins“ ist der vorläufige Höhepunkt dieses Prozesses: Realistischer und zeittypischer kann ein Superheldenstück kaum noch werden. Beängstigend!

Ab Donnerstag in 22 Berliner Kinos. OV im Cinemaxx Potsdamer Platz und Cinestar Sony-Center

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