Maxim Gorki Theater : Die Blechtrommel: Aber nur mit Fruchtgummi

Lies mal wieder: Jan Bosse schlägt im Berliner Maxim Gorki Theater "Die Blechtrommel". Die Inszenierung muss sich nichts vorwerfen lassen, kann aber die Frage nach dem Grund ihrer Existenz nicht überzeugend beantworten.

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Ein Oskar für alle. Cristin König, Robert Kuchenbuch
Ein Oskar für alle. Cristin König, Robert KuchenbuchFoto: Bresadola/Drama

Eigentlich stand ja eine Romandramatisierung auf dem Programm im Maxim Gorki Theater: Jan Bosse, so war im Spielplan angekündigt, inszeniert Günter Grass’ „Blechtrommel“ in einer Bühnenadaption von Armin Petras. Aber schon bevor es losging, ist das Theater elegant zurückgerudert und hat sich selbst revidiert: Bosse bekenne sich „konsequent zu dem Prinzip der Epik“, erfährt man aus dem Programmheft. Seine Schauspieler glichen „Geschichtenerzählern, die sich gegenseitig herausfordern, um uns ihre Version des Romans zu erzählen“.

Soll heißen: Petras und Bosse haben darauf verzichtet, die Romanstruktur in zwangsdramatische Dialoge zu pressen und setzen lieber auf eine Art Nacherzählung mit illustrativer Untermalung. Die Krux ist nur: Warum überhaupt Stoffe von einem Medium in ein anderes übertragen, wenn die Transformation keinerlei Mehrwert erbringt?

Bosses „Blechtrommel“-Inszenierung, die vor drei Wochen zunächst bei der koproduzierenden Ruhr-Triennale in der Jahrhunderthalle Bochum herausgekommen und dort größtenteils heftig verrissen worden war, muss sich weder mangelnde szenische Fantasie noch ungenügendes Regiehandwerk oder schlechte Schauspielerleistungen vorwerfen lassen. Theaterästhetisch erfüllt sie mindestens das Kriterium solide, tendenziell sogar mehr. Der berechtigte Unmut rührt vielmehr daher, dass sie die Frage nach dem Grund ihrer Existenz nicht überzeugend beantworten kann.

Und damit steht diese Bühnen-„Blechtrommel“ nicht allein, sondern im Gegenteil geradezu archetypisch für eine Bühnenlandschaft, die auf Teufel komm’ raus ruhmreiche Romanstoffe auf die Bühne wirft, ohne es offenbar für nötig zu befinden, sie überhaupt auf ihre dramatischen Möglichkeiten abzuklopfen. Es geht hier – um Missverständnissen vorzubeugen – nicht um Genre-Konservatismus. Dass aus epischen Fremdgängen einige der fruchtbarsten Theaterabende entstanden sind, hat nicht nur Frank Castorf an der Volksbühne vielfach bewiesen. Nur müsste man sich dafür eben wirklichen Denk- und Transformationsanstrengungen unterziehen, statt, wie derzeit von München bis Hamburg üblich, einfach eine Erzählerfigur hinzustellen, die das Ding vom Romanblatt weg nachbetet, sobald es mit den Dialogen irgendwie schwierig wird, und das Ganze dann als Bekenntnis zum „Prinzip der Epik“ verkauft.

Damit liegt Bosse sogar über dem Durchschnitt. Bei ihm teilen sich immerhin sieben Erzählerfiguren den Part des Oskar Matzerath, der an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht mehr zu wachsen. Das multiple Prinzip erinnert an Armin Petras’ Frankfurter „Gertrud“-Inszenierung nach Einar Schleef, die 2008 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Petras hatte die Protagonistin in vier Figuren aufgespalten, die jeweils verschiedene Lebensabschnitte verkörperten und untereinander in produktive Erinnerungsstreitigkeiten gerieten. Der siebenfache Oskar indes muss sich bei Bosse logischerweise vor allem in unterschiedlichen Temperamenten ausdifferenzieren: Britta Hammelstein gibt trotzig-rotzig den Aggro-Anteil der Figur, Cristin König sucht nach ihrem Humor, und Anne Müller steuert den kalten Analytikerinnenblick bei. Scheint der gutmütig-naive Seppelhosen-Boy im Oskar durch, schlägt die Stunde von Ronald Kukulies, und soll Ironie fein unterspielt werden, übernimmt Robert Kuchenbuch. Hans Löw ist vor allem für die Momente zuständig, in denen Trashiges ins Tragische kippt, während Ruth Reinecke der versöhnliche Part obliegt. Im Nebenjob hat jeder Darsteller noch eine Zweitrolle zu schultern, sodass man immer kurzerhand dramatisch hinein- und gleich wieder episch herausfällt aus den Figuren.

Der Erzählgestus ist unmissverständlich heutig. Zu Beginn halten die Schauspieler ein Buch mit der Aufschrift „Familienalbum“ in eine Videokamera; die nachfolgenden Schwarzweiß-Fotos, die an die Bühnenrückwand geworfen werden, markieren die zeitliche Distanz zu den Live-Akteuren. Das ist alles gut und schön und ordentlich gespielt. Und wenn sich die Schauspieler in der berühmten Romanszene, in der glitschige grüne Aale sich über einen toten Pferdekopf hermachen, mit grünen Fruchtgummischlangen bewerfen, die sie vorher akribisch gekaut und eingespeichelt haben, dann hat das zweifellos Unterhaltungswert. Nur schließt es eben, sieht man von einer gelegentlichen leisen Ironie der Nachgeborenen ab, nichts auf, was über den Roman hinausginge oder das Buch perspektivisch erweitern würde.

Wieder am 30. 9. und 1. 10.

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