Kultur : Maximales Minimum

Die Berliner Sammlung DaimlerChrysler zeigt künstlerische Positionen seit den späten sechziger Jahren

Nicola Kuhn

Geklebte Streifen, gewölbtes Stahlblech, gefalzte Papierbahnen waren das Vokabular der Frankfurter Künstlerin Charlotte Posenenske (1930–1985), mit dem sie in den Sechzigerjahren die Welt verändern wollte. Staunend stehen die Betrachter heute vor ihrem Werk – nicht wegen dieser Naivität, sondern wegen seiner bemerkenswerten Konsequenz, die bisher kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Acht Jahre lang kämpfte die Willi-Baumeister-Schülerin mit ihrer Kunst, um Ende 1968 abrupt aufzugeben und sich dem Studium der Gesellschaftswissenschaften zuzuwenden. „Es fällt mir schwer, mich damit abzufinden, dass Kunst nichts zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann“, ist von ihr als Erklärung überliefert. Heutigen Ohren klingt es kaum glaubhaft, dass eine solch vielversprechende Künstlerin deshalb ihre Karriere opferte. Aber auch darin war Charlotte Poseneske konsequent.

In dieser Unbeirrbarkeit passt sie zu einer anderen Minimalistin, die jedoch glücklicherweise ihr Werk weiterverfolgt hat und heute eine der bekanntesten deutschen Künstlerinnen ist: Hanne Darboven. Zeitgleich mit Posenenske entwickelte sie ihr Vokabular, blieb jedoch dem einmal gefundenen Prinzip der numerischen Reihung treu. Nur ein einziges Mal haben diese beiden herausragenden Vertreterinnen des Minimalismus bisher zusammen ausgestellt – 1968 in der Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer. Fast vier Jahrzehnte später sind sie nun wieder gemeinsam zu sehen, diesmal bei DaimlerChrysler Contemporary, wo mit dem Eifer eines Bildungsinstituts der Minimalismus Ausstellung für Ausstellung durchdekliniert wird.

Die Museen dieser Stadt könnten sich ein Beispiel daran nehmen; vermutlich schauen sie ohnehin neidvoll auf den bis heute ungenannten Ankaufsetat der Firmensammlung. So sind es auch die jüngsten Neuerwerbungen, die Renate Wiehager am Potsdamer Platz präsentiert. „Minimalism and After II“ lautet der Titel, unter dem sie die Arbeiten von 21 Künstlern vereint.

Bot Charlotte Posenenske die erste Überraschung, so folgt mit dem Amerikaner John McLaughlin (1898 – 1976) eine zweite. Auch hier kann man kaum glauben, dass sein Werk in Europa so gut wie unbekannt geblieben ist. Nur ein einziges Gemälde ist in der Ausstellung zu sehen und setzt doch den Maßstab für alle anderen: „#1-1962“. Ein gelber Streifen teilt das Bild vertikal, von ihm aus entwickeln sich in unterschiedlichen Rhythmen weitere weiße, graue und schwarze Streifen. In seiner Ruhe und inneren Spannung hat das Gemälde hypnotische Wirkung. Da verwundert es nicht, dass sich McLaughlin zeitlebens mit Zen-Buddhismus und fernöstlicher Kunst beschäftigte und den Betrachter zu kontemplativer Betrachtung animieren wollte.

Vieles, was danach kam, muss wie Spielerei wirken. Ja, selbst ein Daniel Buren, der mit seinen Markisenstreifen längst ein Klassiker geworden ist, kann seine Munterkeit nicht verbergen. Dabei verkörpert der Pariser Künstler eine politische Haltung, die man beim scheinbar lebensfernen Schaffen der Minimalisten am wenigsten vermuten würde. Wie Gene Davis, der 1972 die Promenade zum Philadelphia Museum of Art mit seinen bunten Streifen strich, strebte auch Buren in den öffentlichen Raum, um Kunst und Alltag miteinander zu verbinden.

Von da ist es nicht weit zu Gerwald Rockenschaub. Der Wiener Künstler schuf im vergangenen Jahr mit „Six animations“ eine Videoinstallation mit sechs Bildschirmen, auf denen Farben und Formen aus der Welt des Minimalismus zu wechselnden Computerbildern animiert werden. Von der Kunstgeschichte zur Warenästhetik ist es hier nur ein kleiner Sprung, schon immer haben sich Grafiker und Designer aus dem Reservoir der Kunst bedient. Rockenschaub dreht den Spieß noch einmal um – nicht um die Welt zu verändern, sondern um mit wenigen Mitteln zu zeigen, wie sie ist.

DaimlerChrysler Contemporary, Weinhaus Huth, Potsdamer Platz, bis 18. Mai; täglich 11–18 Uhr. – Künstlergespräch mit John M Armleder und Katja Strunz, 15. Mai, 20 Uhr.

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