Kultur : Medienkaiser

Eine Berliner Ausstellung über Preußens Propaganda

Kai Müller

Der Abgeordnete Windthorst stutzte. „Ob seine Majestät auch wirklich damit einverstanden sei, dass er auf dem Bilde dargestellt werde“, wollte er von dem Maler Anton von Werner wissen, als dieser ihn für „Die Eröffnung des Reichstags“ in sein Studio bat. Der Zentrumsführer und Gegenspieler von Bismarck konnte es so recht nicht glauben, dass er bei der Selbstdarstellung des Kaisers eine Rolle zugewiesen bekommen sollte. Auf dem fertigen Monumentalgemälde, das WilhelmII. als Garanten der politischen Ordnung zeigt, steht Windthorst in der ersten Reihe – als Statist. Da er wie alle schweigend den Ausführungen des in Purpur gewandeten Monarchen lauscht, verleiht er dessen Zentralgestalt die Legitimation.

Für ein 25 Quadratmeter großes Wandgemälde war der Anlass – eine weitere parlamentarische Saison – eigentlich zu klein. Doch der Kaiser und sein Szenograf von Werner dachten als Bilderstrategen. Die Monumentalszenerie bildet ein Spiegelbild zur „Proklamation des Deutschen Kaiserreichs“ von 1871, auf der die versammelte militärische Elite des Landes Wilhelm I. zujubelt. Indem von Werner auf den Gründungsakt anspielt und den ins Amt gehobenen Kronprinzen wie einen Wiedergänger des beliebten Großvaters aussehen lässt, wird er zum Star einer Familiengeschichte, die untrennbar mit dem Staat verbunden ist. Kein Hohenzollernherrscher verstand es so gut wie Wilhelm II., die Medien zur Selbststilisierung einzusetzen, das veranschaulicht nun eine sehenswerte Ausstellung im Charlottenburger Schloss. Unter dem Titel „Die Kaiser und die Macht der Medien“ wird im renovierten Ostflügel der einstigen Hohenzollernresidenz ein spannender Einblick in die PR- und Öffentlichkeitsarbeit des Kaiserhauses gegeben.

Dass auch Monarchen für sich werben müssten, begriff als erster Kronprinz Friedrich Wilhelm. Auf dessen Anregung ging 1877 die Gründung des Hohenzollernmuseums zurück. Mit ihm verfolgte der spätere 99-Tage-Kaiser eine doppelte Strategie: Einerseits sollten die Taten der Hohenzollern für Deutschland herausgestellt, andererseits durch sentimentale Einblicke ins Privatleben die Zuneigung auch jener Bevölkerungsteile gewonnen werden, die sich im Zuge der rasanten Industrialisierung immer weniger durch das Herrscherhaus vertreten fühlten. Massenhaft wurden Fotografien, Gemäldekopien und Bildnisse verbreitet, auf denen sich die Herrscher volksnah, menschlich, ja auch verletzlich zeigten. Der berühmteste Selbstdarstellungscoup gelang dabei Paul Bülow. Er malte Wilhelm I. mit Lesebrille und Manuskript in einer Pose, als habe sich der alte Mann nur für den Betrachter soeben vom Arbeitstisch erhoben. So viel Nähe ließ Wilhelm II. nicht mehr zu. Er wollte Ehrfurcht verbreiten. Und wurde schließlich von einem Volksliebling wie Hindenburg aus der medialen Arena verdrängt.

Schloss Charlottenburg, Neuer Flügel, Spandauer Damm 10-22, bis 17. April. Di-So 11-17 Uhr. Begleitband 18 €.

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