Mehr LICHT! (1) : Im nächt’gen Bann

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Zwischen den Feiertagen wird die dunkle Jahreszeit immerhin von allerlei Lichtern erhellt – von den Baumkerzen bis zum Silvesterfeuerwerk. In unserer kleinen Serie erforschen wir leuchtende Beispiele.

Sogar der gute alte Meyers vom Baujahr 1927, der immer dann sein enzyklopädisches Wissen ausschüttet, wenn sogar great new wiki in die Knie geht, lässt mich diesmal fast im Stich. Im Band „Hornberg bis Korrektiv“ hat er auf Spalte 619/620 zwischen „Irrlehregesetz“ und „Irrsee“ nicht mehr als schlanke 16 Zeilen vorzuweisen.

Ein Irrlicht also sei „ein kleines bläuliches, bei leisestem Luftzug erlöschendes Flämmchen“, weiß der Meyers, „das über sumpfigem, von verwesenden organischen Stoffen erfülltem Boden erscheint“. Seine Entstehung sei allerdings ebenso unklar wie sein Sinn. Lockt es arglose Wanderer ins Moor? Funkeln dort die Seelen toter Kinder ruhelos herum, bloß weil sie ungetauft blieben?

Nun hätte ich zur Illuminierung des Kolumnengegenstandes noch die vom Meyers empfohlene „Kritische Betrachtung der Irrlichterfrage“ von 1899 heranziehen können. Lieber aber wandere ich da aus unserem überhellen Jahrhundert, das dem Irrlicht das Lebenslicht wohl endgültig ausblies, schnurstracks zurück in sein eigentliches Zuhause, die leicht morastige prä- bis postromantische Literatur.

Also: Walpurgisnacht. Mephisto und Faust sind im Finstern unterwegs zu den Bibi-Brockenberg-Hexen, da schnippt der Teufel ein Irrlicht herbei, das sogar kurz mitreden darf. „Nur zickzack geht gewöhnlich unser Lauf“, wagt es einzuwenden, worauf der Teufel das Lichtlein – „Ei, ei, er denkt’s den Menschen nachzuahmen“ – kühl auf Kurs knipst, als wär’s ’ne Taschenlampen-App.

Lieber nichts von Goethe? Dann zur Strafe Wilhelm Müller: Ein dröge gedankenlyrisches „Irrlicht“ integriert dieser Nebenromantiker in seinen Zyklus „Winterreise“, den nur die Schubert-Vertonung vorm Vergessenwerden bewahrte. Das Irrlicht, dieses wunderdunkel funkelnde Wort: bloß was fürs Poesiealbum?

Komm, Rilke, hilf! Und tatsächlich, kaum 20-jährig veröffentlicht er, damals noch René Maria R., im Selbstverlag das gratis unters Volk zu streuende Bändchen „Wegwarten“. Sein „Irrlicht“ darin deutet er zauberhaft so: „Du fragst, was solch ein spätes / Licht soll im nächt’gen Bann? / Ein Glück ist’s, ein verschmähtes, / das nicht ersterben kann.“

Genug zitiert. Was mich betrifft: Ich lasse mich gern in die Moore der Fantasie locken zwischen den Jahren und Jahrhunderten, lesend, schreibend, lebend. Leuchte, mein Irrlicht, leuchte!

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