Kultur : Mehr Licht, bitte

STIJN CONINX

"Erinnerst du dich noch an den Nordpol-Film, den wir gesehen haben, als ich zwölf war?" fragt die Protagonistin in Stijn Coninx "Die Stunde des Lichts".Ob sie ihr Tagebuch oder ihren Freund fragt, erfährt man nicht.Die Kamera, die des Regisseurs und ihre eigene, fahren dabei über endlose Weiten, Wasser, Robben, und das stundenlang.Sonne, Schnee und Eis.All das, was zivilisationsmüde Großstädter sonst in Diashows, Nordlanddokus und Cinemaxxen suchen, Einsamkeit und großartige Natur nämlich, hat die 19jährige Holländerin Heleen in den Ferien nach Norwegen getrieben.Auf einem Segelturn um Spitzbergen entscheidet sie sich spontan, den Winter mit einem Trapper in dessen Hütte zu verbringen.

Die romantische Vorstellung, die Trapper, Helden des Nordens, lebten in Einklang mit der Natur, schwindet dem blauäugigen Großstadtkind schnell, als sie erlebt, wie der Trapper Robben trotz ihrer "süßen" Gesichter als Hundefutter schießt oder aus seinem verstorbenen Lieblingshund eine Fellmütze macht.Und als ihr klar wird, daß ihr "Held" ein etwas plumper, schüchterner, ungeschickter Außenseiter ist, der die Einsamkeit suchte, weil er die Gemeinschaft nicht aushielt.

Joachim Król, der Mann mit dem Hundeblick, sollte für diese Rolle eigentlich ideal besetzt sein, zumal er sich offensichtlich extra Fett angefressen hat.Leider muß er, laut Drehbuch des Deutschen kaum mächtig, die ganze Zeit in kindlichen Kurzsätzen sprechen, was seine Charakter etwas einfältig geraten läßt.Den Drehbuchdialogen hat es nicht geschadet: Die sind, trotz aller Kürze, umständlich genug.Auch der Plot ist denkbar einfach und läßt beim Zuschauer dennoch alle Fragen offen.Der Film folgt der autobiographischen Erzählung der Holländerin Heleen van der Laan, und sehr viel mehr als ein Erlebnisbericht ist es auch nicht.Mangels Ansprechpartner vertraut Heleen (die Belgierin Francesca Vanthielen) alle Sorgen ihrem Tagebuch an, viele Sätze, viele Gefühle, wie der Trapper sagt.Trotzdem erfährt man wenig.So hätte man gern gewußt, wie die 19jährige dazu kommt, aus einem plötzlichen Entschluß heraus aus der Zivilisation zu verschwinden.Warum sie so überrascht ist, daß der einsame Trapper, der seit Jahren keine Frau gesehen hat, kaum mehr will als ihr an die Wäsche.Wie das Zivilisationskind dazu kommt, mit sicherem Blick einen verstopfte Gasbrennerzufuhr zu reparieren oder eine Fernsehantenne auf dem Dach zu installieren.Ob sie einen Freund zurückgelassen hat bei ihrer Flucht.Und warum ihr nicht der leiseste Anflug eines schlechten Gewissens kommt, wenn sie den hoffnungslos verliebten Trapper nach kurzer Romanze wieder verläßt.

Schade eigentlich, daß die beiden ungleichen Partner im Schnee erst gegen Ende des langen Winters und des nicht minder langen Films einen besseren Zeitvertreib finden als das ewige Kartenspielen und Seehundjagen.Die kurze, heiße Phase der Liebe, die unwahrscheinlicherweise, aber gleichwohl zwangsläufig folgen muß, beschert dem Zuschauer zumindest einige ausgeflippte Minuten sexueller Stellungen und interessanter Übungen, die mit geradezu ironischer Überspitzung ausgemalt und lustvoll ausgespielt werden.Wenn dann nach neunzig Minuten die Dunkelheit des Nordens der romantisch roten Sonne und dazugehöriger Tropenromantik weicht, wird die Stunde des Lichts auch im Kinosaal längst sehntlich erwartet.

Broadway B, Cinemaxx Potsdamer Platz, Kant, Odyssee, Passage, Scala

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