Kultur : "Mehr Licht"!

BERNHARD SCHULZ

Den eindrücklichsten Unterschied zwischen dem romanischen und dem gotischen Kirchenbau macht die ungeheure Lichtfülle aus, die in den Kathedralen zu einem wahren Lichtmeer gesteigert ist.Wo zuvor wuchtige Wände gemauert standen, ragen in der Gotik schlanke Strebepfeiler empor, die zwischen sich kein Mauerwerk, sondern gläserne Vorhänge tragen.Immer größere Flächen wurden in der Baukunst der Hochgotik mit bemaltem Glas gefüllt; Glasscheiben, durch die das Licht des Tages als ein wahres Abbild des Himmels, des himmlischen Jerusalem fiel.

Die Glasmalerei geht dem Aufstieg der abendländischen Tafelmalerei seit dem Ausgang des Mittelalters voran.Die Blütezeit der Glasmalerei liegt parallel zu der der Baukunst und fällt mithin in die Spanne zwischen dem ausgehenden 12.bis zum 14.Jahrhundert.Fast ein Jahrhundert später erst beginnt mit den Gebrüdern van Eyck die große Zeit der altniederländischen Malerei.Für Jan van Eyck war die gotische Kirche als Abbild des Himmels so selbstverständlich, daß er seine - 1426 gemalte und in der Berliner Gemäldegalerie bewahrte - "Madonna in der Kirche" überlebensgroß in ein minutiös wiedergegebenes Interieur stellt, erleuchtet von bemalten Glasfenstern.

So weit hinauf wie Maria in van Eycks kleinem Gemälde kommt der Besucher einer Kirche nicht, um die bemalten Glasscheiben aus der Nähe zu erblicken.Ihm erschließt sich die Fülle der Motive und Schmuckformen von unten her nicht.Gerade einmal sind die Heiligen und die biblischen historiae auszumachen, die auf den Glasfeldern dargestellt sind; die Details jedoch bleiben dem irdischen Auge verborgen.- Die in manchen Kathedralen, vor allem auch in Profanbauten anzutreffenden großfigurigen Glasgemälde hingegen, die in der Komposition an Tafelbilder erinnern, entstammen späteren Zeiten und nehmen etwa die Errungenschaften der Renaissance auf, wenn sie nicht überhaupt erst im 19.Jahrhundert geschaffen wurden, in dem die Glasmalerei eine späte Blüte erlebte.

Im zu Ende gegangenen Jahr konnte Köln den 750.Jahrestag des Baubeginns seines Domes feiern.Den Abschluß der Veranstaltungen markiert eine Ausstellung, die unter dem Titel "Himmelslicht" zumindest andeutet, welche Sensation sie darstellt.Der nüchterne Untertitel "Europäische Glasmalerei im Jahrhundert des Kölner Dombaus (1248 - 1349)" kündigt an, was in der schmucklosen Hülle der Josef-Haubrich-Kunsthalle zu sehen ist und was in den vorangegangenen, teils legendären Ausstellungen des federführenden Schnütgen-Museums wie "Rhein und Maas" von 1972 aus mancherlei Gründen weitgehend ausgespart bleiben mußte: Eine derartige Übersicht über hochmittelalterliche Glasmalerei hat es wohl nie zuvor gegeben.Und anders als die gleichfalls kaum je ausleihbaren Tafelbilder, denen der Interessierte in ihren Museen begegnen kann, wird der Großteil der in Köln versammelten Glasmalereien in Zukunft wieder in lichter Höhe angebracht werden, dem Auge eines Besuchers unerreichbar entrückt.

Köln ist auf seine "Hohe Domkirche" stolz und leidet still unter der Geringschätzung, die diesem spätesten der großen Kathedralbauvorhaben von Liebhabern der französischen Hochgotik zuteil wird.So bildet die gegenwärtige Ausstellung einen weiteren Mosaikstein in der Aufwertung des Domes als der "vollkommenen Kathedrale".Die Glasmalerei spielt in dieser Neubewertung in der Tat eine bedeutende Rolle.Die erhaltenen Fenster aus dem 1322 geweihten Chor, der die Absichten der Dombaumeister in aller Authentizität spiegelt, unterstreichen die herausragende Stellung des Domes in der gotischen Baukunst.Eine ganze Anzahl von Fenstern aus dem Dom sind in der Kölner Kunsthalle zu sehen, eingebettet in rund einhundert Leihgaben vom Oberrhein bis Nordfrankreich.Wo immer Glasfenster in restauro waren, konnten derartige, im Grunde undenkbare Ausleihen ermöglicht werden.In der Kunsthalle werden die kostbaren Fenster in neutral-grauen Gerüsten präsentiert, hinterleuchtet von künstlichem Licht.Was verlorengeht, ist das beständige Wechselspiel des natürlichen Himmelslichtes; was gewonnen wird, ist eine gleichmäßige Strahlkraft, wie sie keine Abbildung originalgetreu wiedergeben kann.

Zu sehen sind aus der Nähe nicht nur die Heiligenfiguren, sondern die vielfältigen, kaum vermuteten Details der Binnenzeichnung und der Ausschmückungen, mit denen die mittelalterlichen Werkstätten die farbigen Felder zwischen den bleiernen Stegen ausgefüllt haben.Wie in der späteren Tafelmalerei nie mehr, treten ornamentale und figürliche Darstellungen in einen Wettstreit, den die unterschiedlichen theologischen Auffassungen vom Kirchenbau und seiner Ausstattung befeuern.So ist auch der Wechsel der Kölner Domchor-Ausstattung von der ursprünglichen, lediglich durch das Bibelfenster in der Mittelachse unterbrochenen Grisaille-Befensterung zu einer thematisch gegliederten, farbigen und figürlichen Ausstattung durch den abrupten Wandel der Nutzung des Chores bedingt.Der Dreikönigsschrein, dessen angemessene Unterbringung der Anlaß für den Domneubau 1248 war, wurde aus der noch vorhandenen älteren Domkirche in die Achskapelle des Neubaus verbracht - und der Chor damit den Pilgerscharen geöffnet, die nun auch mit einem entsprechenden Bildprogramm in den Fenstern "versorgt" werden mußten.Zu dieser Zeit hatte das Domkapitel den Ehrgeiz, in Konkurrenz sogar zu der im Mittelalter bedeutendsten Pilgerkirche überhaupt zu treten, jener des Heiligen Jakobus im fernen Santiago de Compostela.

Im Katalog wird dieser Befund der Forschung vermittelt - einem Katalog, der sich vorwiegend am Bedarf der Fachwissenschaftler orientiert.Hatte das Schnütgen-Museum bei "Rhein und Maas", dieser im besten Sinne volkstümlichen Unternehmung, noch dem eigentlichen Katalog einen besonderen Aufsatzband hinterhergeschickt, wird diesmal das Interesse des allgemeinen Publikums mit einem Spezialisten-Katalog strapaziert.

In der Ausstellung selbst bilden sparsam gesetzte Texttafeln einen mageren Ausgleich.Alles ist auf die ungestörte Entfaltung des Gläserglanzes ausgerichtet.Zwei Felder des "älteren Bibelfensters" des Kölner Domchores aus der Zeit um 1260 - jeweils rund einen Quadratmeter Fläche bedeckend, im gesamten Dom sollten es insgesamt unvorstellbare 6 500 Quadratmeter Fensterfläche werden! - verweisen in ihrem kleinteiligen Aufbau auf die Frühgotik.Biblische Szenen - hier aus Altem und Neuem Testament typologisch gegenübergestellt, um die Erneuerung des Alten Bundes durch den Neuen sinnfällig zu machen - werden von ornamentalem und vegetabilem Dekor umfangen.Demgegenüber stehen großformatige Figuren von Heiligen und alttestamentarischen Königen.Die Grisaillemalerei kommt durchaus nicht zum Erliegen; Reformorden wie der der Zisterzienser drängen die immer prächtigeren Malereien zugunsten der einfacheren ornamentaler Verglasung wieder zurück.Der Altenberger Dom unweit Kölns, wenige Jahre nach der Grundsteinlegung der Kölner Bischofskirche begonnen, bietet ein asketisches Gegenbild.

Am auffälligsten in der Entwicklung der Glasmalerei ist vielleicht die Einbeziehung von Architekturmotiven.Neben die Einfassung von Heiligen und Historien in architektonisch gestaltete Rahmen tritt die Darstellung von Bauteilen selbst: Die Gotik stellt ihre Errungenschaften im Gebäude selbst stolz zur Schau.Ein dreiteiliges Straßburger Fenster von 1325/30 zeigt eine vollständige Turmbekrönung mit Strebebögen, Wimpergen und Fialen in durchaus perspektivischer Darstellung.Feingliedriger ist ein Architekturbild aus dem Kölner Dom (um 1330/40), das gotische Bauformen in freier Gestaltung kombiniert.Zumal derartige Ausstellungsstücke faszinieren als quasi autonome Kunstwerke - und bleiben doch in ihren ursprünglichen Kontext eingebettet.An den Architekturdarstellungen wird der stete Verweis der Glasbilder auf den gebauten Rahmen und die von ihm vorgegebene Disposition im Raumgefüge des Kirchengebäudes besonders sinnfällig.

Ungeachtet der Beschränkung auf das einzige Medium der Glasmalerei vermittelt die Kölner Ausstellung doch eine Ahnung vom Zusammenwirken der unterschiedlichsten Künster-Handwerker in der gotischen Bauhütte, die bis in unser Jahrhundert hinein als Vorbild für eine das irdische Dasein wahrhaft transzendierende Schöpfung galt.

Köln, Kunsthalle, Josef-Haubrich-Hof (nahe Neumarkt), bis 7.März.Katalog 64 DM.

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