Mehringhof : Das große Ausschlachten

Münte, Streber-Guido und die Abwrackprämie: ein kabarettistischer Jahresrückblick im Mehringhof.

Sandra Luzina
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Wir packen es an. Das Jahresendzeitteam krempelt die Ärmel auf. Foto: David BaltzerDavid Baltzer, Agentur Zenit, Be

An diesem Mann kommt in diesem Jahr keiner vorbei: „Ich will mitmoderieren!“, bekräftigt er seinen Anspruch energisch, – um gleich einen seiner berüchtigten „Wir von der FDP“-Sätze hinterherzujagen. Nun ist die Gastgeberin des „Kabarettistischen Jahresrückblicks“ im Mehringhoftheater ja eigentlich Angela Merkel, der Christoph Jungmann mit Rundföhnfrisur und figurneutralem Hosenanzug einen tantenhaft-schrillen Charme verleiht. Wenn Hannes Heesch als Guido Westerwelle auf die winzige Bühne stürmt, um der Kanzlerin die Alleinherrschaft streitig zu machen, dann blickt diese mit mütterlicher Milde, aber auch irritiert auf den Aufsteiger. Merkel und Westerwelle als Gastgeber-Gespann ergänzen einander nicht so gut wie Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker, aber sie haben einander verdient.

Ganz so wohl wie auf der FDP-Wahlparty scheint sich Guido im Mehringhof, dieser Keimzelle des linksalternativen Milieus, aber nicht zu fühlen. Reflexhaft rühmt er das „fantastische Ergebnis der FDP“ und den Kollegen von der Show-Opposition ruft er schon mal ein mahnendes „Kommen Sie an in der Realität!“ zu.

Der Westerwelle-Auftritt gehört zu den Höhepunkten des Abends, der genau genommen lauter Höhepunkte präsentiert. Das Jahresendzeitteam ist mittlerweile eine Instanz in Berlin. Bov Bjerg, Horst Evers und Manfred Maurenbrecher, die zusammen das „Mittwochsfazit“ bestreiten, ergänzt um den Theatersportler Christoph „Angela“ Jungmann und den Parodisten Hannes Heesch – diese fabelhaften Fünf haben sich also wieder die absolut relevanten Themen des Jahres vorgeknöpft. Sie liefern messerscharfe Analysen, schrauben sich in absurde Minidramen, begnügen sich oft aber auch nur mit Andeutungen. Ein witziges Aperçu – und zack, das Thema ist erschöpft, der Mann ist erledigt. Und da jeder aus dem neuen Kabinett ein Kandidat für die kabarettistische Jahresendabrechung ist, ist die Hohn- und Spott-Ökonomie bei gleichzeitigen Ironieüberschuss eine gute Strategie.

Erst mal muss das Wahldebakel der SPD verdaut werden, also verabreicht Angela ihrem ersten Gast Franz Müntefering einen Magenbitter – Heesch in einer weiteren Paraderolle. Er rollt das R und ist auch sonst sehr diszipliniert und zackig. Münte hat ja jetzt eine Wohnung in Kreuzberg – „ich gehe zurück in einen Arbeiterbezirk“ – er schaut aber nur auf einen Sprung vorbei. Zusammen mit Angela hechelt er nochmals die Große Koalition durch, beide können sich partout nicht erinnern, wie man auf 19 Prozent Mehrwertsteuer gekommen ist. Dann zieht der Neu-Berliner Münte weiter.

Als ADAC-Fan Münte weg ist kann endlich auch das Thema Abwrackprämie ausgeschlachtet werden. Für eine zu verschrottende Karre gibt es mehr Geld als für einen getöteten Afghanen, auch die unter neun Jahren. Berg, Evers und Maurenbrecher spielen Autoterzett: Treffen sich in einer Kreuzberger Parkbucht ein Porsche Cayenne, ein Renault Clio und ein Opel. „Viagra in Chrom“ beleidigt der Opel den Porsche. Der kontert: „Du Staatshilfe-Schwuchtel“. Alle schwelgen schließlich in der Erinnerung an Zeiten, als Autos noch nicht angezündet, sondern geklaut wurden – „gutes altes Handwerk“.

Horst Evers, begabt mit einem Blick für die Absurditäten des Lebens, pendelt zwischen Bestürzung und Verwunderung. Nein, er schaffte es nicht, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen. Mit der Angst, dass ihm angesichts einer resoluten Arzthelferin Feenflügel aus der Nase wachsen, steht er wohl allein. Auch die Guttenberg-Rhetorik hat er drauf. Als ihm sein Computerflagshipstore vorwirft, sein Drucker sähe aus, als wäre er zu Boden geworfen worden, entgegnet er: „Mir haben bei der Abgabe noch nicht alle Informationen vorgelegen. Nach heutiger Kenntnislage würde ich die Behandlung des Druckers als unangemessen bezeichnen.“

Das finale Udo-Jürgens-Potpourri gipfelt in „Und immer, immer wieder geht das Stadtschloss auf“. Diese fünf Herren sind keine notorischen Miesmacher oder abkanzelnden Moralisten, sie sind Wort-, Lied- und Vortragskünstler mit Witz, Verve und Sponti-Charme. Mit diesem Jahresendzeitteam als Krisenbewältigungstruppe ist man bestens beraten – und unterhalten.

Weitere Vorstellungen 17.– 21. 12. und 26. 12. – 10. 1. (außer 4.1.), 20 Uhr, 19., 20., 27.– 31. 12., 1., 2., 9. und 10. 1. auch 16 Uhr.

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